Nicht genug

Ich kann auf jeden Fall sagen, dass es mit Zwillingen immer einfacher wird, je älter sie werden. Das ist tatsächlich so.

Ich kann mich an eine Begegnung erinnern, als die Kinder gerade 4 Monate alt waren. Mein Mann und ich gingen an einem Zwillingspapa vorbei, im Einkaufzentrum in der Tiefgarage. Damals war unsere Verzweiflung so groß, dass mein Mann einfach fragte: „Wird DAS irgendwann einfacher?“ Und der Mann sagte nur: „Einfacher wird es nie. Nur anders.“

Ich konnte das die letzten Jahre immer unterschreiben, denn einfach war es nie mit den Kindern. Die Probleme haben sich nur verlagert oder geändert, aber wenn man die Lösung für etwas gefunden hatte oder die Kinder sich verändert hatten, kam ein neues Problem auf, das man bewältigen musste.

In den letzten Monaten hat sich aber etwas verändert. Vielleicht sind es die Kinder, vielleicht ruhe ich als Mutter auch mehr in mir selbst, vielleicht sind es auch die Erfahrungen, die sich angesammelt haben – kurzum, es ist gerade alles im Lot. Es ist tatsächlich einfacher geworden. Auch wenn wir gerade mit Emma eine Stottertherapie machen müssen, mein Mann sehr viel arbeitet und ich eine strenge Diät mache, fühlt sich das Leben besser an als noch vor einem halben Jahr.

Dennoch gibt es solche Tage wie gestern, an denen ist gar nichts gut. Tage, die mir zeigen, dass ich als 1 Mutter von 2 Kindern nicht genug bin.

Beim Kinderturnen am Nachmittag sind sich die Kinder diesmal gar nicht einig. Max will klettern, Emma Trampolin springen. Max will am Seil schaukeln, Emma balancieren. Die Übungen sind aber schwierig und ich muss aufpassen, dass sich die Kinder nicht weh tun, d.h. wir müssen uns einig sein und immer am selben Gerät turnen.
Irgendwann wird es Max zu langweilig. Er will fangen spielen. Er liebt das gerade sehr und freut sich wie verrückt, als ich nicke und anfange, zu laufen. Emma will auch mitspielen, aber auf ihre Art. Ich soll sie „mitziehen“, d.h. an den Händen halten, so dass sie beim Laufen mitgeschleift wird. Mir reicht’s langsam. Ich habe Max versprochen, ihn zu fangen, und mit einer Emma im Schlepptau hole ich ihn nie ein. Max dreht sich schon ständig nach mir um wo ich bleibe. Ich will es Emma erklären, aber sie will mich nicht verstehen. Sie bockt. Und ich habe keinen Bock mehr. Ich lasse sie los und versuche, wenigstens 1 Kind glücklich zu machen. Ich spiele mit meinem Sohn fangen, während Emma mitten in der Turnhalle liegt und weint.

Emma weint immer noch, als Max Purzelbäume machen will. Ich versuche wieder den Spagat zwischen Kind 1 und 2 und will mich mit Emma versöhnen. Keine Chance. Sie ist beleidigt und will aber trotzdem nicht, dass ich gehe. Sie klammert sich an mich. Max wartet. Ich hatte ihm versprochen, jetzt mit ihm Purzelbäume zu üben. Ich bin genervt und auch ein wenig frustriert. Warum kann ich nie genug sein? Kann ich immer nur 1 Kind zufrieden machen? Heute jedenfalls schon. Ich versuche Emma zu überreden, ich flehe sie fast an, sich nun zu beruhigen, es sei alles gut etc.etc. Als sie nach 5 min immer noch bockt und kein Wort mit mir spricht, entscheide ich mich wieder für Max. Ich schlage mit ihm Purzelbäume während Emma an der Wand gelehnt da sitzt, weint und schmollt. Sie tut mir leid, ich schaue die ganze Zeit zu ihr und rufe sie, sie soll zu uns kommen. Ich bin nicht ganz bei der Sache mit Max und auch nicht für Emma da.

An diesem Nachmittag geht es zu Hause auch nicht anders weiter. Max will einen großen Kissenturm im Schlafzimmer bauen, ich soll ihm helfen. Emma will mit Wasserfarben malen, da muss ich auf Rücksicht auf die Möbel sowieso dabei sein. Und wieder muss ich mich zweiteilen. Beide wollen auch nach mehreren Versuchen nichts anderes spielen und auch nur MIT DER MAMAAAAAA!
In dem Versuch, nun endlich mal zwei glückliche Kinder zu haben, laufe ich also durch die Wohnung und bin in 5minütigen Abständen wieder beim anderen Kind, um zu helfen, zu spielen und einfach nur da zu sein. Und frage mich dabei, warum es an manchen Tagen so schwierig sein muss.

Ich fühle mich oft total ausgelaugt. Zwei Menschen zerren den ganzen Nachmittag an mir und wollen ihren Willen durchsetzen. Aber eigentlich wollen sie ja nur mit mir Zeit verbringen und mal 100% Aufmerksamkeit, die sie in der Kita natürlich nicht haben. Ich bin unzufrieden, ja, sogar oft unglücklich. Ich möchte genug sein für beide Kinder. Ich habe so oft ein schlechtes Gewissen, dass sie jeden Tag in der Kita sind, dass ich wenigstens am Nachmittag nur für sie da sein will. Ihnen alles bieten will, was möglich ist.

Aber allein der Wille reicht eben nicht. Ich habe Zwillinge. Und Zwillinge müssen sich eben die Aufmerksamkeit teilen. Das sage ich mir zumindest immer, wenn ich mich mal wieder schlecht fühle….

2 thoughts on “Nicht genug

  1. Liebe Zwillingsmama,

    danke für die schönen Geschichten. Unsere Kleinen (Mädchen und Junge) sind 10 Monate alt, der Große 5 Jahre, mein Mann und ich arbeiten beide Vollzeit (weil wir gerne arbeiten). Ich verstehe sehr gut, was Du meinst. Die Eltern sind immer in der Unterzahl und daher kann man es beiden (oder 3) nicht recht machen. Ich habe inzwischen auch kein Problem damit, am WE einen schönen Kuschelvormittag mit einem Kind zu machen, wärend das andere sich aufregt, morgen kommt auch das andere dran. Irgendwie kommt es auf die Gesamtbilanz an, jeder darf mal (ausgenommen natürlich die großen Probleme, wie Hunger, volle WIndel, Aua etc.). Ich bewundere Dich aber, dass Du so viel mit den Kndern machst, wir haben es nicht mal versucht … Es gibt Sport für den Großen, aber nur in der Gruppe, er geht alleine hin und ich kann in Ruhe (relativ, mit den Kleinen dann) einkaufen gehen.

    Vielleicht sind wir relativ entspannt, weil wir schon vor den Zwillingen Erfahrungen hatten. Ich habe eingesehen, dass ich keine perfekte Mama bin und habe inzwischen auch keinen Anspruch, eine zu sein. Alle sind gesund und fit, haben gute Betreuung und viel Spaß – es ist alles Gut! Schön wäre es, meinen Mann mal wieder unter 4 Augen zu sehen…

    Viele Grüße,
    Nadi

  2. Schöner Text! Aber: Nicht nur Zwillinge müssen teilen. Alle Kinder mit Geschwistern müssen die Mama teilen. Ist das nicht etwas beruhigend? Die Alternative, nur ein Kind deswegen zu haben, ist auch keine. Sie profitieren mehr von ihren Geschwistern, als dass sie unter dem Teilen leiden – finde ich.
    Ich verstehe deine Gefühle so gut! Liebe Grüße!

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