Zwei Welten

Es war einmal eine Zeit bevor wir Kinder hatten. Wir wohnten in der Innenstadt, zentraler ging es kaum, direkt am Marienplatz. In einer entzückenden Altbauwohnung mit direktem Blick auf die Frauenkirche.

Morgens hatte ich genug Zeit, um mir die passenden Accessoires zu meinem Outfit zusammenzustellen. Entspannt, ausgeschlafen und immer pünktlich ging ich in die Arbeit, meinen Coffee to go in der Hand und einen Roman in der Handtasche, den ich in der U-Bahn las.
Abends fragte ich mich, ob ich kochen soll oder wir doch lieber Essen gehen.

Ich flog beruflich nach Mailand, Paris, Kopenhagen und London, circa 4 mal in der Saison. Ich hatte dort immer viel Spaß, blieb lange auf, denn schlafen könne ich ja zu Hause.
Die Wochenenden waren entspannt, fast langweilig. Ausschlafen, langes Frühstück, im Fernsehen noch eine Doku schauen bevor man überlegte wie der Nachmittag aussehen könnte.

Mein Mann und ich stritten nie. Gab auch keinen Grund dazu, denn wir hatten alles was man braucht, um glücklich zu sein. Wir hatten beide unseren Traumberuf, eine schöne Wohnung, viele Freunde, tolle Reisen 2-3x im Jahr, genug Geld und wir hatten uns. Wir lachten viel zusammen, waren albern, ausgelassen, zufrieden. Wir redeten viel, diskutierten alles Mögliche.

Unser Leben war unbeschwert und frei. Wir hatten alles bis auf Kinder.

……………

Meistens liegt ein Kind neben mir, wenn ich aufstehe, manchmal auch zwei. Ich habe wenig geschlafen, darf aber nicht schon wieder zu spät kommen. Ich habe gelernt, alles schnell zu machen. Morgens brauche ich 10min im Bad, 3min zum Anziehen. Den Rest der Zeit brauche ich für die Kinder. Keins will sich anziehen, sondern spielen. In die Kita wollen sie auch nicht. Alles wie immer.

Im Auto auf dem Weg zur Kita bzw. Arbeit ist es laut, beide Kinder haben was zu erzählen, die Kinder-CD läuft.
Ich überlege, welche Erzieherin heute da ist und wie das Abgeben wird. Was mache ich heute nach der Kita mit den Kids? Was zum Abendessen? Irgendwie muss ich es dazwischen noch schaffen (xy) zu erledigen. Die Wäsche auch.

Meine Arbeit macht mir Spaß, ich liebe meinen Beruf. Auch, wenn ich keinerlei Karrierechancen mehr habe. Ich fehle circa 15 Tage im Jahr wegen Krankheit, eins der Kinder oder ich selbst.

Manchmal fliege ich noch nach Kopenhagen, alle 5 Monate für 1Nacht. Meine kinderlose Kollegin erzählt mir am Flughafen neulich, sie sei verkatert vom Wochenende, obwohl sie bis 15.00 nachmittags geschlafen hat. Ich denke an mein Wochenende und sage gar nichts. Emma hatte zum 2.mal in 2 Wochen Streptokokken mit hohem Fieber.
Ich freue mich wie nichts anderes auf diese 1 Nacht im Hotel. Alleine sein. Ausschlafen. Das Paradies. Trotzdem bin ich in Gedanken bei meiner Familie. Mein Mann wird wohl gerade Emma wecken und ihr sagen, dass ich nicht da bin. Sie wird viel weinen. Wird kein schöner Tag werden für beide. Zum Glück ist Max so easy.

Es zerreißt mir mein Herz zu wissen, wie sehr Emma mich vermissen wird. Deshalb kann ich diese kurze Reise auch nicht genießen. Denn in meinen Gedanken sind immer die Kinder, die Abläufe zu Hause. Wird alles klappen?
Mein Mann ist ein unglaublich toller Vater. Er tut alles was er kann. Trotzdem streiten wir viel. Wenn er spät abends nach Hause kommt ist kein Platz mehr für Zweisamkeit. Wir reden das Nötigste. Nicht, weil wir uns nicht mehr lieben, sondern weil wir ein bisschen Zeit brauchen, jeder für sich. Am Wochenende ist das besser. Da finden wir uns abends zusammen, kochen und gucken sogar manchmal einen Film zusammen an, zumindest das erste Drittel, bis wir müde ins Bett gehen.

Müde sind wir eigentlich immer, d.h. vor allem ich, denn immer noch bekomme ich nachts Besuch von Emma, manchmal auch Max. Ausgeschlafen sein, dass kenne ich nicht mehr. Ich kenne auch keine entspannten Tage mehr auf der Couch, denn oft sind die Wochenenden anstrengender als die Arbeitstage. Die Kinder fordern uns sehr, spielen wenig alleine.

Ich mache mir viele Gedanken um meine Kinder. Ich liebe sie so abgöttisch, dass ich Ängste entwickelt habe, die total übertrieben sind. Ich habe schreckliche Angst, meinen Kindern könnte etwas passieren, dabei habe ich Szenarien in meinem Kopf, die ich manchmal nicht mehr ausschalten kann, vor allem nachts. Ich bin nicht mehr unbeschwert. Ich bin auch nicht mehr albern. Ich bin sehr ernst geworden und nachdenklich. Die Kinder haben mich und unsere Beziehung radikal verändert. Eine Kollegin sagte mir mal, dass sie keine Kinder will, denn sie hätte „Angst vor der Angst“. Ich habe sofort verstanden, was sie meint. Und ich verstehe auch ihre Einstellung. Ein Leben ohne Kinder kann auch wunderschön und erfüllt sein, sicherlich. Wenn ich an mein altes Leben denke, weiß ich das umso mehr.

Die Entscheidung, schwanger zu werden, war relativ spontan. Unser Leben war schön, aber auch eintönig. Es reichte nicht. Etwas fehlte mir.
Dass es so schnell gehen würde, hätte ich nicht gedacht. Dass es Zwillinge werden umso weniger. Keine Zwillinge in der Familie, keine Hormone, kein gar nichts. Ich habe einfach die Pille abgesetzt und 12 Monate später waren die Kinder bereits auf der Welt.

Ich bin dankbar, dass alles ist, wie es ist. Meine Kinder sind die Liebe meines Lebens. Eine so tiefe Liebe zu empfinden hätte ich mir nie vorstellen können.
Es ist so schön, wie diese beiden kleinen Wesen größer werden. Was sie lernen, was sie sagen und wie sie mich zurück lieben.

Ich bin glücklich.

9 thoughts on “Zwei Welten

  1. Liebe Zwillingsmama,

    Du schreibst mir aus der Seele, auch wenn meine Zwillinge noch unter einem Jahr alt sind. Gern würde ich einen Kaffee mit Dir trinken gehen und Dich ausquetschen, wie Du es schaffst mit Kindern, Kita, Job, Beziehung, etc.pp. Aber ich weiß, dass dafür einfach keine Zeit bleibt (obwohl wir beide in München wohnen), weil der Tag zwischen aufwachen um 5.30 Uhr bis zum Abends gegen 22 Uhr erschöpft ins Bett fallen schon so durchgetaktet ist, dass alles andere auf der Strecke bleibt. Also lese ich stattdessen zwischendrin Deinen Blog und freue mich, dass ich nicht alleine bin.

    Und ich weiß auch: feuchte Begrüßungsküsschen links und rechts, leuchtende Augen und Stereogekicher sind das schönste, was mir je passiert ist :-)))))

  2. Ich denke auch oft an mein “altes” Leben zurück. Und ehrlich gesagt vermisse ich doch schon einiges. Trotzdem möchte ich es jetzt nicht anders haben wollen. Ich liebe meinen Mann und meine Kinder. Wenn da nicht manchmal diese Chaostage wären.

  3. Ein toller Text! Das Vorher-Nachher Lebensgefühl ist besser kaum zu beschreiben.
    Nur das mit dem niemals Ausgeschlafensein… es m u s s aber einfach irgendwann wieder zu faulen Morgenstunden in den Federn kommen … wir verschieben es nur noch um ein paar Jahre nach hinten, okay 😉 ?!

  4. Unsere Zwillinge sind grad 15 Monate alt und auch ich kenne diese Gefühle, die du so gut in Worte gefasst hast……ich wollte nie Kinder und jetzt hab ich zwei……und die geb ich nie wieder her! DANKE für deinen so treffenden und ehrlichen Text!

  5. Liebe Zwillingsmama,

    neu hier lesend stoße ich auf diesen Post und erkenne so vieles wieder! Wir haben eine fast fünfjährige Tochter und Zwillingsmädels, 20 Monate jünger, gerade drei Jahre alt geworden.

    Freunde in einer ähnlichen Situation haben es treffend beschrieben: “Wir haben es im Griff, aber wir sind fix und fertig.”

    Wenn wir, nun am Stadtrand im Reihenhaus wohnend, durch unser altes Viertel in der Stadt fahren, an unserer alten Wohnung vorbei, an “unserem” Park – da gab es eine Zeit, da hätte ich am liebsten geheult. Und habe es sogar!

    Und ich glaube auch, man darf trauern! Wir wünschen uns ja nicht unsere Kinder weg, sondern werden sentimental beim Gedanken an vergangene Lebensabschnitte. Alles hat seine Zeit, versuche ich mich dann zu erinnern, und dann kommen die Mädels und schlingen mir ihre kleinen Ärmchen um den Hals oder lassen sich nach einem fiesen Aua so gut beruhigen. Als sei ich ihr Zuhause.

    Und dann passt es wieder.

    Liebe Grüße, ich schau jetzt öfter hier vorbei.

    Kusine B.

  6. Liebe Katrin,

    schöner, gefühlvoller und berührender kann man diese ganz besondere und einzigartige Mutterliebe nicht in Worte fassen. Mir ist noch immer warm ums Herz und nass in den Augenwinkeln. Soooooo gut verstehe ich, was Du meinst und wie Du empfindest. Ich hatte vor den Kindern das Gefühl, alles zu haben. Mein Leben sah in etwa aus wie Deines. Nun hab ich die Zwillinge, bin Mama und das Leben – so anstrengend und nervenaufreibend viele Tage auch sind – fühlt sich an wie ein Leben voller Highlights, die von neuen Highlights gehighlightet werden. Mama sein, eine eigene Familie zu haben, ist einfach unschlagbar <3

    Liebe Grüße

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