Die Geburt einer Mutter

Ich glaube, ich bin zur Zeit eine gute Mutter. Ich bin echt okay. Verständnisvoll und lieb und meist sehr geduldig. Nicht immer natürlich. Aber meistens.

Ich fühle mich schon sehr lange nicht mehr überfordert. Mir wäre es egal, wenn mein Mann ein paar Tage nicht da ist und ich alles alleine machen muss.

Ich bin total spontan geworden, was die Kinder betrifft zumindest. Ich schaffe es an 1 Tag, zu arbeiten, die Kids zu holen, sie zu baden, Plätzchen mit ihnen zu backen und eine Kissenschlacht zu machen ohne dass wir uns irgendwie streiten oder es Ärger gibt.

Früher war ich abends absolut ausgepowert von dem Nachmittag mit den Kids. Zur Zeit bin ich zwar auch ausgepowert, aber die Kinder haben nichts damit zu tun (oder sagen wir wenig). Gestern zum Beispiel habe ich nach der Arbeit die Kids abgeholt, war mit ihnen einkaufen, dann haben wir im Garten fangen gespielt und anschließend mit Wasserfarbe Handabdrücke gemacht. Dann gab´s fernsehen und Abendessen und wieder eine Runde spielen, bis es ins Bett ging.

Früher hätte ich nur eins dieser genannten Dinge am Nachmittag gemacht, wäre mir sonst zu viel geworden. Ich bin eine entspannte Mama geworden, eine auch, mit der man Quatsch machen kann zu ganz komischen Tageszeiten. Letzte Woche habe ich mit ihnen vor der Kita im Auto (ich musste eigentlich los in die Arbeit) noch auf ein Lied „gerappt“, das gerade im Radio lief. Die beiden haben ganz lang auf den Rücksitzen getanzt und Quatsch gemacht und ich … ich war zwar unter Zeitdruck, aber es war mir egal, ich war glücklich und stolz auf meine süßen Zwerge.

Manchmal denke ich, dass ich tatsächlich 4 Jahre gebraucht habe, um in meiner Rolle als Mutter anzukommen. 4 Jahre? Eine lange Zeit. Zu lange.

Dazu muss ich erklären, dass ich eine Frau bin, der das Mutter-Gen komplett fehlt. Ich habe früher nie über Kinder nachgedacht. Sie haben mich nicht interessiert. Sie haben mich genervt und ich fand sie alle blöd. Meine Schwester hat immer babygesittet als Teenager. Sie war als Au-pair in New York. Sie hat jedem Kind in der Verwandtschaft Geschenke mitgebracht. Sie hat sich immer gern mit Kindern umgeben, aber mir waren sie vollkommen egal. Ich hatte keinen Bezug zu Kindern.

Als ich später dann verheiratet war, und einige Jahre als Mann und Frau ins Land gingen, war ich irgendwann soweit, mit Mitte 30, über Kinder nachzudenken. Der Entschluss, schwanger zu werden, war relativ spontan und genauso spontan war dann auch die Zwillingschwangerschaft. Über den Schock beim Frauenarzt habe ich ja schon oft geschrieben. „Es sind zwei“ sagte sie, und ich wollte noch nicht mal eins. Ja, tatsächlich, ich dachte einfach, es dauert länger, schwanger zu werden. So wie bei vielen meiner Kolleginnen. Vielleicht sogar Jahre.

Es waren 3 Monate. Der Test sagte schwanger. Ich wollte das nicht glauben, das ging mir zu schnell. Nein, ich bin noch nicht bereit, dachte ich. Und dann das. 2 Kinder. Auf einmal. Einfach so.

Ich stand unter Schock und habe 2 Wochen lang nur geweint und nichts gegessen. Der Hollywood Moment, indem sie auf das Stäbchen in ihrer Hand guckt und es nicht glauben kann und dann weinend ihrem Mann in die Arme fällt und beide einen Jawirsindschwanger-Freudentanz aufführen…den gab es bei uns nicht. Es dauerte, bis ich mich ein bisschen freuen konnte, dann wurde es von Woche zu Woche mehr.

Nach der Geburt hatte mein Mann im Krankenhaus einen Moment mit seinem Sohn. Er sah ihm in die Augen und war sofort verliebt, es liefen Tränen der Rührung bei ihm. So, wie man es sich vorstellt. Auch diesen Moment gab es bei MIR nicht.

Kein ach-ich-seh-dir-in-die-Augen-mein-Baby-und-jetzt-weiss-ich-was-Glück-ist. Ich war erleichtert, dass sie gesund sind, dass sie da sind, war ein wenig verliebt aber hauptsächlich sehr besorgt um sie. Und total durch den Wind, das war ich auch. Das große Glück habe ich nicht empfunden.

Manchmal hatte ich Panikattacken. „Warum mussten wir auch unbedingt Kinder kriegen, wir waren doch so glücklich“ dachte ich. Oder auch „Ich will das nicht. Ich bin keine Mutter.“

Ich funktionierte. Ich hielt alles zusammen, ich umsorgte meine Babys sehr liebevoll und war ständig um ihr Wohl besorgt. Ich musste sie beschützen und wollte, dass es ihnen gut geht. Aber die große Liebe, die kam immer noch nicht.

Es war so unfassbar anstrengend. Dieser Schlafmangel. Diese ständigen Schuldgefühle, weil ich jedem Kind nur 50% geben konnte. Dieses absolute Fremdbestimmt sein. Das Weinen, so laut und schrill.

Natürlich gab es jeden Tag auch einige Glücksmomente. Natürlich wurde viel gestreichelt, geküsst und geschmust. Mein Gott, sind meine Kinder süß, guck mal, sie lächelt ja! Und da, jetzt sieht er genauso aus wie du wenn er so ein Gesicht macht! Sowas eben. Und es gab Erfolgserlebnisse, ich wurde geübter und traute mich mehr. Ich hatte irgendwann keine Angst mehr, alles falsch zu machen.

Und so wurde es Woche zu Woche besser. Ich fühlte mich meinen Kindern immer näher. Und irgendwann war es Liebe.

Am Tag der Geburt werden nicht nur Kinder geboren. Sondern auch die Mutter. Und genauso lang wie Babys brauchen, sich im Leben ein wenig zurecht zu finden, so lange braucht vielleicht auch eine Mutter. Bei mir war es so.

An was ich etwas länger geknabbert habe, war die totale Selbstaufgabe. Der Verlust der eigenen Freiheit. Sein Leben ausschließlich den Kindern zu widmen. Ständig gebraucht zu werden. Es hat gedauert bis ich mich daran gewöhnt habe, der Mittelpunkt von zwei hilflosen Wesen zu sein.
Was früher manchmal eine große Belastung für mich war, ist heute pures Glück. Ich bin dankbar, dass ich der wichtigste Mensch von zwei so besonderen Menschen bin.

Und heute, vier Jahre später, bin ich unsagbar glücklich mit meinen Kindern. Und ich bin es schon sehr sehr lange. Ich bin so unfassbar stolz auf meine Kinder. Sie sind so entzückend. So süß, so hübsch, so schlau und es macht so Spaß ihnen beim lernen und leben zu sehen.

Maxi und Emma, ihr seid mein Leben! Ich liebe euch von ganzem Herzen.

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5 thoughts on “Die Geburt einer Mutter

  1. Das klingt Super! Der totale Gegensatz zur aktuellen regrettingmotherhood Debatte. Ich freu mich für Dich!

  2. Hach, ich hatte ein wenig Tränen in den Augen. Sehr schön geschrieben. Ich erwarte in Kürze auch meine ersten Kinder (Zwillinge) und bin gespannt, wie das Leben dann so läuft und ob ich es meistern kann.

  3. Danke für deinen Text…mir geht es hier ähnlich…du sprichst mir aus der Seele…es tut gut sowas zu lesen und man fühlt sich nit ganz so alleine weil es derzeit ein wenug anstrengend ist man aber nicht darüber reden kann….

  4. Puh. Ich sitze gerade auf der Couch. Und heule. Und es tut verdammt gut.
    Ich bin eigentlich kein großer Fan von solchen Seiten, aber du schreibst ehrlich und anders, danke dafür.
    In meiner Küche liegen Einkäufe, die verstaut werden müssen, dreckiges Geschirr, das gespült werden muss, sauberes Geschirr, das weggeräumt werden muss, sauberes Geschirr, dass den Weg aus der Spülmaschine finden muss, unterm Tisch liegt noch die Hälfte des Mittagessens der Kinder ( es gab aus der Not heraus einen Hipp-Kinderteller, weil ich nicht zum Kochen kam), mein Mittagessen bestand aus einem Malzbier, einem halben Käsebrötchen und einer Tüte Gummibärchen, weil ich so entnervt vom Vormittag war…
    ich könnte stundenlang so weiterjammern und motzen.
    meine Jungs sind 2, sie schreien immer noch ziemlich oft, ich schreie immer noch viel zu oft, ich bin immernoch viel zu oft überfordert, ich kriege mich immernoch nicht besser organisiert, weil abends mein Akku alle ist und ich zu kaputt und lustlos bin um den nächsten Tag zu organisieren.
    Aber manchmal schaffe ich es trotzdem stolz zu sein. Ich vergöttere meine beiden tollen Kinder, die schon so gross sind, schon soviel alleine können, schon soviel erzählen können, die liebevollsten Küsschen der Welt geben können, sich manchmal gegenseitig in den Arm nehmen und trösten…
    Ich werde ab jetzt öfter hier vorbeischauen

  5. Hallo,
    ich bin gerade durch den Text über hochsensible Kinder auf Deinen Blog gestoßen und habe mich ein wenig eingelesen. Dieser Text hier hat mich besonders berührt, weil ich ähnlich lange gebraucht habe, um mich in meine Mutterschaft einzufinden (obwohl ich immer Kinder haben wollte).
    Ich habe auch mal dazu gebloggt:
    http://fruehlingskindermama.blogspot.de/2015/03/angekommen-im-mamasein.html
    Wenn Du magst, lies mal.
    Ich bin übrigens eine hochsensible Mama mit einem hochsensiblen 4-jährigen Sohn und immer auf der Suche nach Gleichgesinnten. Werde weiter bei Dir mitlesen;)
    Liebe Grüße!

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