Außen hui, innen pfui

Irgendwas passiert gerade mit mir und fremden, alten Omas. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass mir in den letzten Tagen drei seltsame Begegnungen widerfahren sind. Allesamt mit äußerlich sehr gepflegten, lieb drein blickenden, grauhaarigen alten Damen. Dem klassischen Modebewusstsein ihres Alters entsprechend trugen alle drei einen hohen, silbrigen Dutt, einen Bleistiftrock, Gesundheitsschuhe und ein Etwas alias Strickjacke dazu, nebst Perlenkette. Unschuldig sahen sie aus, als ob sie kein Wässerchen trügen könnten und mindestens 5 Enkel hätten, die sie sorgsam mit Schokolade vollstopfen. Typ liebe Oma eben.

Letzte Woche am Odeonsplatz: ein Bettler sitzt auf dem Boden. Er ist furchtbar dünn, sein Gesicht ist total eingefallen. Er sitzt ganz ruhig in seiner Ecke, nicht aufdringlich, nicht wirklich bettelnd. Und er hält ein bemaltes Schild hoch: “Ich habe Hunger”. Ich finde es absolut normal, diesen armen Menschen ein paar Euros zu geben, das mache ich öfter und hoffe, dass es Andere auch tun. Ich krame also in meiner Handtasche nach meinem Geldbeutel als eine alte Dame Typ liebe Oma neben mir stehen bleibt.

“Sie wollen dem nicht wirklich was geben, oder?”

“Doch, wieso denn nicht?”

“Der kauft sich eh nichts zu Essen! Der kauft sich Schnaps!”

“Oh Mann… wenn alle Menschen so denken würden wie Sie, dann wäre die Welt ein herzloser Ort.”

“Und wenn alle Menschen so wären wie Sie, dann hätten wir noch mehr Bettler und Ausländerschwärme als wir eh schon haben!”

Sprachs und ging ihres Weges. Und ließ mich verdattert zurück.

Am Sonntag in der U-Bahn: meine Kinder drehen sich an der Stange im Stehbereich der Bahn. Sie lachen und freuen sich auf das Theaterstück, in das wir gleich gehen werden, die “Schneekönigin”. Sie drehen sich im Kreis und stören damit Niemanden, denn ich erlaube das nur, wenn der Stehbereich leer ist. Das heißt, eine Person stört sich doch, nämlich die alte Dame Typ liebe Oma, die einen bequemen Sitzplatz hinter uns hat.

Sie ruft extrem laut zu uns herüber: “Schauns mal, dass ihr Gschweal sich sofort hisetzt, sonst kennans was von mia lerna! Da hamas wida… die schlecht erzognen Schratzn vo heut!”

Für alle nicht-bayerischen Leser meinte die nette Frau ungefähr Folgendes: “Sehen Sie zu, dass sich ihr Gesindel sofort hinsetzt, sonst bekommen Sie es mit mir zu tun. Da haben wir es wieder… die schlecht erzogenen Kinder von heute!”

Ich habe es in diesem Fall vorgezogen, gar nicht zu kommentieren, sondern zu ignorieren. Meine Kinder spielten weiter und zwei Stationen später stiegen wir aus. Ich wartete, bis die Türen sich wieder schlossen, stellte mich ans Fenster, aus dem die Oma uns böse anguckte, lächelte sie breit an und befahl meinen Kindern, fröhlich der alten Frau zuzuwinken. Was sie auch brav taten.

Was für gut erzogene Schratzn ich hab..

Am Dienstag im H.ugendubel: meine Kinder und ich suchen nach neuen Büchern und spielen ein bisschen in der Kinderecke. Während wir spielen fällt mir eine andere Zwillingsmutter auf. Ihre Babys sind noch klein, vielleicht 5 Moante. Jedes der Kinder weint und tobt abwechselnd, die Mutter versucht ruhig zu bleiben. Vor allem eines der Kinder lässt sich gar nicht mehr beruhigen. Die Mutter stellt sich an der Kasse an, die Kinder weinen nun beide. Sie ist ein wenig nervös, will aber sicherlich wenigstens das eine Buch besorgen, wegen dem sie offensichtlich extra mit zwei Kleinkindern her gekommen ist. Und ICH weiß, was das für ein Aufwand sein kann, gerade in diesem Alter der Kinder, mit Zwillingen. Sie möchte diese eine Sache erledigt haben! Und sich gut fühlen, dass sie an diesem Tag noch etwas anderes geschafft hat, als nur Windeln zu wechseln und Babys zu füttern! Ich kann sie so gut verstehen. Aber jemand anderes kann das nicht. Eine alte Dame Typ liebe Oma kommt aus der Leseecke geschossen.

“Muss das denn wirklich sein, dass uns ihre Kinder die Ohren zu schreien? Das ist ja nicht auszuhalten! Wirklich, das muss doch nicht sein – wir wollen LESEN!”

Die Mutter hat gerade bezahlt und wäre ohnehin gegangen. Sie war ohnehin nur circa 15 Minuten in dem Geschäft. Aber die alte Hexe musste sie trotzdem noch wissen lassen, was sie davon hält, dass Babys schreien während sie liest.

Die Mutter sagte nur ganz leise, fast flüsternd: “Ich geh ja schon.” Mehr nicht. Es brach mir das Herz.

Sie tat mir so leid. Es war als ob sie ein verwahrloster Hund wäre, den man aus einem Restaurant kickt.

Ich war unsagbar wütend. Ich baute mich vor der alten Frau auf und sagte nur, ebenso ruhig und leise wie die Mutter: “Sie sollten sich wirklich was schämen.” Mehr fiel mir nicht ein.

Und dann ging ich nach Hause und bereute es, der Mutter nicht nachgelaufen zu sein, um ihr zu sagen, dass sie nicht alleine ist, dass Jemand sie versteht und dass sie sich es nicht zu Herzen nehmen soll, was eine alte, verbitterte Frau zu ihr sagt.

7 thoughts on “Außen hui, innen pfui

  1. Alte biestrige Britschn, kann ich da bloß sagen. Unglaubliche Geschichte!
    Auf Bairisch: I kriag so an Hois, derf’s sowas aa geh’m, ha?

  2. Das hast Du gut gemacht!! Besonders in der Buchhandlung. Find das immer ganz toll, wenn sich jemand traut den Mund aufzumachen. Genau dasselbe habe ich vor einiger Zeit zu einer offensichtlich hochschwangeren Frau gesagt, die mit Fluppe (Zigarette) mitten auf offener Strasse stand. Nicht dass es im stillen Kämmerlein besser wäre, aber das so ohne Scham öffentlich zu machen, hat mich total fassungslos gemacht. Baah.

    Mach weiter so Kathrin! Ich finde, so wird die Welt immer ein kleines Stückchen besser

    Viele liebe Grüße aus Köln

    Heike

  3. Hallo,
    Ich habe auch zwei Zwillingsbuben und auch so manche bösen Blicke ernten dürfen wenn meine zwei Jungs mal eben an der Kasse durch drehen.
    Und als ich zu hause war manches mal geweint, weil ich mich so geschämt habe.
    Finde es toll das es so Leute wie dich gibt.

    Dein Blog ist einfach Wundervoll und gibt mir viel Kraft.

  4. @zwillingmamajj:

    Warum schämst du dich? Da hast du wahrlich keinen Grund zu. Trag den Kopf hoch erhoben und sei stolz auf das was du jeden Tag leistest.

    Liebe Grüße
    Von Mama.mal.drei ( 4 Jährige und 14 Monate alte Zwillingsjungs)

  5. @zwillingsmama:

    Ein ganz wundervoller Blog. Ich lese hier schon lange mit und finde jetzt auch mal die Zeit hier was zu schreiben.
    Besonders schön empfinde ich deine Ehrlichkeit auch über deine Zweifel und Schwächen zu schreiben, denn viele reden über so etwas nicht, sondern haben nur Kinder die mit einem Jahr trocken sind, durchschlafen und schon fast ihr Abi machen.

    Meine Jungs sind jetzt 14 Monate und ich habe noch eine vierjährige Tochter. Ganz oft nervt es mich selber, daß ich für jedes einzelne Kind so wenig Zeit habe. Ich würde gerne mehr mit meiner Tochter unternehmen, aber die Zwillis brauchen mich genauso. Dann jeden Tag die Tonnen von Wäsche, die chaotische Wohnung und und und…..
    Naja muß ich ja nicht erzählen.

    Liebe Kathrin, liebe andere Zwillingsmamas ,
    Haltet die Ohren steif oder…
    Hinfallen, aufstehen, Krönchen zurecht rücken und weiter laufen 😉

    Viele Grüße von Mama.mal.drei

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