Einfach Mensch

Ich weiß, dass du klein bist. Dass du das nicht machst, um mich zu ärgern. Du weißt nicht, wohin mit deinen Gefühlen. Aber weißt du, ich weiß das manchmal auch nicht. Ich bin auch manchmal müde und habe Sorgen, die mich beschäftigen. Meistens kann ich mich sehr gut in eure Gefühle hineinversetzen, manchmal kann ich es nicht. Das hängt damit zusammen, was gerade in diesem Moment passiert. Wenn ich es eilig habe, noch etwas erledigen oder aufräumen will oder mir gerade um Jemanden Sorgen mache oder einfach nur sehr müde bin kann ich nicht so ruhig und besonnen sein wie ihr das gerne hättet.

Wie ihr das verdient hättet.

Dann ist euer Wettrennen zum Auto und wer als erstes ankommt nicht wichtig genug für mich, nicht fassbar für mich, um dich stundenlang zu trösten, dass du nicht der Erste am Auto warst. Wir sind in solchen Situationen nicht mehr auf Augenhöhe, denn ich bin eine erwachsene, berufstätige Mutter, die zu spät kommt und du bist ein Kind, das ein Wettrennen verloren hat, das ohnehin in meinen Augen total dämlich ist. Passt dann einfach nicht zusammen, sind verschiedene Welten obwohl es Eine sein sollte.

Ich würde mir wünschen, immer total ausgeglichen zu sein. Nie zu schimpfen, nie zu schreien, nie schlecht gelaunt zu sein und euch es spüren zu lassen. Aber ich bin auch nur ein Mensch, ein sehr dünnhäutiger, sensibler und empathischer Mensch sogar, der mit emotionalen Situationen sehr oft nicht gut umgehen kann. Nur, weil ich eure Mama geworden bin, kann ich nicht auf einmal alle meine Emotionen aus stellen. Ich bin immer noch ich, nur eben noch dazu eine Mutter. Und ich hoffe sehr, dass ihr das eines Tages verstehen werdet, wenn ihr das hier lesen dürft.

Denn ich bin nicht undankbar. Ich bin dankbar euch zu haben, ihr zwei tollen, kleinen Menschen, die mich jeden Tag aufs Neue glücklich machen können, auch mal zum Weinen bringen zwar, aber meistens doch eher glücklich und sehr stolz machen. Ich liebe euch unendlich. Aber ich kann euch nicht 24 Stunden lang lieben, manchmal kann ich euch auch mal nicht leiden, für ganz kurze Momente.

Ich wäre gerne nur Mutter. Das Sinnbild einer Mutter, so wie man sie sich vorstellt. Voller Liebe, Ruhe, Geborgenheit, Geduld und Zeit. Aber ich bin auch Designerin, Hausfrau, Ehefrau und Freundin, ich bin Schwester und Tochter und Schwiegertochter und es gibt nicht nur euch in meinem Leben. Auch wenn ihr zwei natürlich mit Abstand das Wichtigste seid. Und das zumindest, wird sich NIE ändern, egal was kommen mag.

Es gibt eine Sache, dir mir unglaublich wichtig ist und schon immer war. Eine Sache, bei der ich verbal um mich schlage wenn ich sie nicht bekomme. Gerechtigkeit. Ich habe einen sehr, sehr ausgeprägten Sinne dafür.Dabei hat das nichts mit Prinzipien zu tun. Es ist einfach angeboren, ich bin so. Wenn Jemand ungerecht zu mir ist, kann ich unglaublich wütend werden. Maßlos sozusagen.

Und wie das so ist, habe ich anscheinend dieses Gen an euch zwei weitergegeben.  Wenn etwas passiert, das in euren Augen ungerecht war, dann schreit ihr euch die Seele aus dem Hals, werft mit Gegenständen um euch, rast und tobt. Ganz die Mama eben.

Es gibt viele Situationen, dich ich mit Bravur meistere, in vielen wiederrum versage ich. Und das ist, denke ich, total normal. Zumindest hoffe ich das. Wissen tue ich es nicht, denn das sagt ja niemand ehrlich in der heilen Blogger Welt.

Gestern Abend war ich die Ruhe selbst, als es eskalierte, zwischen Emma und dir, Mäxlein. Deine Lieblingsbeschäftigung ist es zur Zeit, Sachen zu sortieren. So hast du das auch mit deinem Lego getan. Im Regal im Kinderzimmer stehen sehr viele kleine Schalen und Teller von deinem alten Kindergeschirr. Alle sind voll mit kleinen Legostücken. Die Blumen zu den Blumen, die Vierecke zu den Vierecken, die Edelsteine zu den Edelsteinen, usw. usw. Du hast sicherlich 9-12 verschiedene Dosen und Schalen mühevoll sortiert. Das Problem ist nur, dass es auch Emmas Lego ist. Es gehört euch beiden zusammen, ihr müsst es teilen. Deswegen sage ich auch nichts, als Emma sich mit ein paar der Schalen hinsetzt und ihr Legohotel damit „verzieren“ will.

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Als du wenige Zeit später ins Kinderzimmer kommst, bist du entsetzt. Am Anfang bist du nur stinksauer. Ich nehm dich auf meinen Schoß und erkläre, dass das Lego nicht dir allein gehört, dass Emma sich etwas nehmen kann, wenn sie damit spielen will, dass ich es schöner finde, wenn man damit spielt und es nicht nur in Schalen herumliegt und verstaubt. Es kommt aber nicht bei dir an. Irgendwann wandelt sich deine Wut  in Verzweiflung um. Du bist wirklich so betroffen, weinst und hast eine ganz verzweifelte Mimik. Jetzt muss ich dir helfen, und erkläre Emma, dass es dir so wahnsinnig wichtig ist, dass alle Teile in den Schalen bleiben, ob wir sie wieder abmachen können, woraufhin Emma sauer wird und mit Türen schmeißt, du aber wenigstens total dankbar bist und wir gemeinsam alles wieder zurücksortieren. Deine Tränen trocknen, du fühlst dich verstanden. Emma kann ich mit dem Versprechen beruhigen, ihr auch eine eigene Schale zu kaufen, im Legogeschäft, in der Teile drin sind, die nur ihr gehören. Und dann ist wieder alles gut. Es hat insgesamt bestimmt 30min gedauert. 30min mit dem Versuch, diplomatisch und gerecht zu sein, auf Gefühle einzugehen und sich selbst total zurückzunehmen. Das konnte ich, weil es abends war, ich ruhig war und nichts zu tun hatte. Ich habe nach Priorität gehandelt und hatte am Ende ein gutes Gefühl.

Nicht so am nächsten Morgen, als du, Emma, zu mir ins Schlafzimmer kommst. Ich hatte gerade die Betten gemacht und das Fenster zum Lüften geöffnet. Du kommst rein mit deiner Zahnbürste in der Hand, auf der (mal wieder viel zu viel) Zahncreme drauf ist. Die Betten sind sauber und ich will keine Zahncreme drauf bekommen und wie gesagt, ist es wegen dem offenen Fenster sehr kalt im Zimmer. Also sage ich ganz normal „Nicht hier, Emma, im Bad bitte“. Ich will mit dir zur Tür und zum Bad laufen, doch du hörst nicht, summst vor dich hin und hältst mir immer noch die Zahnbürste entgegen. Ich also nochmal „Im Bad, Mausi, lass uns ins Bad gehen!“. Ich weiß nicht, wo du mit deinen Gedanken bist, aber du hörst mich einfach nicht oder hast keine Lust, zu reagieren. Beim dritten Mal motze ich dich an und sage sehr laut „Emma, hörst du nicht? INS BAD!!!“. Du erträgst es nicht, wenn ich schreie. Und reagierst meistens mit Wut darüber. Du rennst ins Bad und schmeißt deine Zahnbürste auf den Boden. Ich schimpfe darüber nochmal, dann endlich putzen wir deine Zähne, was etwas schwierig wird, weil du in deiner Wut deinen Mund nicht richtig aufmachst, jetzt willst du mich provozieren und ich lasse es zu, weil ich grad selbst in Streitlaune bin. Ich muss zur Arbeit, euch vorher in die Kita bringen, muss noch eure Betten machen und mich schminken und anziehen, aufräumen, deine Haare kämmen, den Müll mit raus nehmen und einen Kaffee habe ich auch noch nicht gehabt. Und ich sehe nicht ein, was ich jetzt eigentlich falsch gemacht haben soll.

Und so ist das mit euch. Und mit mir. Wir sind alle drei Menschen, eine hat mehr Erfahrung, die anderen weniger, eine sollte vernünftig sein und ist es oft nicht, die anderen dürfen zornig sein und die eine will es aber auch mal sein dürfen. Ohne schlechtes Gewissen. Einfach Mensch sein.

6 thoughts on “Einfach Mensch

  1. Ein ehrlicher Post, vielen Dank dafür! Vermisse ich häufig in der großen alles-ist-schön Mama-Blogs-Welt. Ist es auch. Aber eben nicht immer. Und darüber darf auch gepostet werden. Denn mit dem eigenen Unwillen, der eigenen Wut und der Wut darüber, dass frau überhaupt wütend ist ist man eben auch nicht allein. Aber es fühlt sich (zu) oft so an!

  2. Toller Beitrag…aber psst: bei mir ist es auch nicht Friede, Freude, Eierkuchen. Zumindest nicht immer. Und ich blogge auch sehr ehrlich darüber.
    Deshalb lese ich solche Beiträge wie Deinen sehr gern. Denn er zeigt mir: auch andere Mamis kommen manchmal an ihre Grenzen.
    Und meine Zwillinge sind erst 6 Monate – die Große dafür schon fast vier 🙂 Da kommt also noch einiges…

  3. Du bist halt eine menschliche Mama! Das ist- auch wenn Emma und Max das jetzt noch nicht so sehen- gut für die Kinder. Unsere werden nächste Woche drei, aber solche Situationen kennen wir auch. Und ich muss ehrlich sagen, ich finde die Diplomaten-Rolle auch sehr anstrengend und mir fehlen auch oft Nerven und Ruhe dafür.
    Aber wir sind auch nur Menschen, lieben unsere Kinder über alles und sorgen dafür, dass es ihnen gut geht.
    Danke für deine ehrlichen Gedanken und Worte und das teilhaben- lassen.
    Es beruhigt mich immer wieder zu sehen – es ist bei anderen auch so. Und ich bin nicht unfähig, die Situationen scheinen tatsächlich wirklich normal zu sein 😉😚
    Danke!
    Und ein frohes, gesundes und buntes 2016!

  4. Hallo liebe Katrin, ich kann Dich total verstehen. Kinder,Beruf und Haushalt ist einfach oft nervenaufreibend. Ich hoffe bald wieder für mehr Entlassung beizutragen. Freue mich auf Mittwoch. Hanni

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