Der böse Mann

Ich war bei meinen Eltern in Österreich, als am letzten Freitag ein Amokläufer 9 Menschen in München erschoss. Meine Kinder schliefen schon, als wir es erfuhren. Ich machte mir Sorgen um meinen Mann, der ausgerechnet an diesem Tag mit einem Freund ausgegangen war, in die Innenstadt. Es wurde dort Panik verbreitet, Gerüchte in Welt gesetzt, von mehreren Schießereien wurde erzählt, jeder dachte, es handle sich um ein großflächiges Attentat. Öffentliche Verkehrsmittel wurden gesperrt. Dass es ein Einzeltäter war, stand erst am nächsten Tag fest.

Mein Mann kam irgendwie nach Hause, zuerst mit einem Mietfahrrad, dann endlich mit dem lang ersehnten Taxi.

Natürlich redeten meine Eltern und ich viel darüber am nächsten Tag, so dass auch die Kinder davon mitbekamen. Als sie mich fragten, über was wir da reden, sagte ich ihnen, dass ein Mann in München andere Menschen erschossen hat.

“Warum?”, fragten sie.

“Weil er böse war. Und krank.”

“Warum ist er nicht zum Arzt gegangen, wenn er krank war?” fragte Max.

“Das ist eine gute Frage, mein Schatz, aber das weiß ich nicht.”

 

Am Sonntag fuhren wir wieder nach Hause, wir freuten uns, den Papa wieder zu sehen.

Eine neue Woche begann.

Gestern Abend, als ich die Kinder ins Bett brachte, waren sie unruhig, sehr aufgedreht, konnten nicht in den Schlaf finden. Vor allem bei Max wunderte mich das, da er sonst sehr schnell einschläft. Was mit ihnen los sei, fragte ich.

“Der böse Mann war bei Yasmin”, sagte Max.

“Wie bitte? Wie meinst du das?”, fragte ich. Yasmin ist ihre Freundin aus dem Kindergarten, sie gehen in dieselbe Gruppe. Yasmin ist 5 Jahre alt.

“Yasmin musste sich im Keller verstecken, als der böse Mann geschossen hat.”

Ich bekam eine Gänsehaut. “Yasmin war DORT, als der Mann geschossen hat?”, frage ich.

“Ja”, sagt Max.

Er bildet eine Pistole aus Daumen und Zeigefinger und deutet sich mit dem Zeigefinger auf die Stirn.

“Und dann hat er sich weggeschossen” sagt er.

Weggeschossen. Ein Wort, das Max nicht kennt. Noch nie gesagt hat. Nicht kennen sollte. Sich eine imaginäre Pistole an die Stirn setzen. Auf diese Idee sollte ein 6-jähriger nicht kommen. Nicht kommen müssen. Aber seine Freundin war dort, am Ort des Grauens, am Ort des Unfassbaren. Und sie erzählt nun im Kindergarten davon. Es hat ein paar Tage gedauert, bis sie darüber reden konnte.

Sie wollte mit ihrem Papa Pizza essen, im Einkaufszentrum. Sie sind mit einem Mann aus der Pizzeria in den Keller gegangen, um sich zu verstecken. Alle haben geschrien und es war sehr laut. Sie hat geweint.

Nun ist es in den Köpfen der Kinder. Sie denken nach. Ich glaube nicht, dass sie es verstehen, aber es arbeitet in ihnen. Meine süßen, kleinen, unschuldigen Kinder.

Ich würde euch so gerne in Watte packen und ewig beschützen, euch überall hin folgen, damit euch nichts passiert.

Es tut mir sehr leid für all die Familien, die sich das nun denken müssen und nichts mehr tun können. Deren Kind nicht nach Hause gekommen ist am Freitag. Die weiterleben müssen, obwohl ihr Kind nicht mehr da ist. Es tut mir so leid.

22110-2

 

 

One thought on “Der böse Mann

  1. Bin froh das Euch nichts passiert ist Aber natürlich der Schock wird Euch noch lange in den Knochen stecken Hatte Gänsehaut beim lesen Deines Artikels obwohl wir im Moment gefühlte 40 Grad haben
    Es tut mir so leid für alle die so etwas erleben müssen und dabei geliebte Menschen verliehren nur weil einer krank vernatisch oder egal was ist so was macht
    Ich kann nicht verstehn das sowas passieren muss Ich hab grosse Angst um die Zukunft unsererKinder Wie soll das nur so weiter gehn ?Mag ohne Anst die KInder sehn aufzuwachsen das ist im Moment nicht möglich Wann hört das endlich auf das Menschen andere töten Mir gehn echt nicht in eine gute Zeit entgegen Mein allergröstes Mitgefühl aller Menschen die Meschen verlohren haben Ich wünsche denen undendliche Kraft der Schmerz zu ertragen und wünsche Ihnen das sie wieder freude am Leben finden

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