Ich lass dich damit nicht allein

Deine Tränen kündigen sich schon an, ich sehe es an deinem Gesicht. Du versuchst, sie aufzuhalten, aber es gelingt dir nicht. “Wein ruhig, Mäuslein, lass es raus”, sage ich und die Tränen laufen über deine Wangen. Du kämpfst zur Zeit wieder mit dir und deinen Gefühlen, deiner Angst zu versagen oder etwas falsch zu machen. Mit Bauchweh kamst du heute zu mir ins Bett, um 5.50Uhr. Dass du so früh aufwachst und sofort Bauchschmerzen bekommst, das ist ein typisches Zeichen dafür, dass deine Schulangst wieder da ist.

Gestern hat es sich schon angekündigt, als du abends so geweint hast, weil du heute eine Eule fertig basteln sollst und du dir ganz sicher bist, dass du das nicht schaffst in 1 Schulstunde. Was du noch machen musst, frage ich dich. “Die Augen, die Pupillen und den Schnabel. Und alles doppelt, denn die Eule klebt am Fenster und guckt rein und raus.” Ich bin mir natürlich sicher, dass du das locker schaffst, weil ich weiß, wie toll du basteln kannst und wie schnell du deine Kunstwerke zu Hause fabrizierst, aber das kommt nicht bei dir an. “Bitte, Mama, bitte kannst du mit Frau S. reden, ja? Bitte, Mama! Ich will die Eule nicht mehr machen, bitte frag sie das.” Du bist absolut verzweifelt. Du weinst und weinst, während Max darauf wartet, dass ich ihm endlich gute Nacht sage. Und wie immer bei dir, steigerst du dich hinein und kommst aus deinem Gefühlsstrudel nicht mehr raus. Du bist ein Häufchen Elend. Und das eigentlich wegen Nichts. Wegen etwas, was du locker schaffen würdest, circa in 10Minuten wärest du damit fertig. Und da frage ich mich wieder, warum um alles in der Welt gerade DU so wenig Selbstwertgefühl hast. DU bist nämlich nicht nur so hübsch, dass es mir oft den Atem raubt, sondern auch mutig, sehr klug, kreativ, empathisch und noch so vieles mehr. Warum zweifelst du so an dir. Warum traust du dir auf einmal nichts mehr zu, seit du ein Schulkind bist.

Ich habe als Mutter schon viele Fehler gemacht, so verdammt viele Fehler. Wegen manchen von ihnen habe ich auch richtige Schuldgefühle. Aber was ich euch beiden immer vermittelt habe, ist Vertrauen. Vertrauen, dass Mama euch hilft, egal bei was. Und dass ihr immer mit allem zu mir kommen könnt. Ich helfe euch und nehme euch ernst. Und ich bin dankbar, dass ihr es auch annimmt und mir eure Sorgen erzählt.

Und nein, ich habe nicht innerlich gedacht, wie lächerlich dein Problem mit dieser blöden Eule ist. Ich habe dich ernst genommen. Was auch nicht allzu schwierig ist, wenn man seinem Kind in die verheulten, so verzweifelten Augen schaut. Und da liegt so viel Urvertrauen. Und leider auch Hilflosigkeit. Du bist deinen Problemen in der Schule ausgeliefert. Aber ich lass dich damit nicht allein. Ja, du musst in die Schule. Das muss jedes Kind. Du musst in die Schule um zu lernen und dich für das Leben zu wappnen. Schule ist wichtig und Schule sollte Spaß machen! Warum denkst du so viel nach, wo ist deine Unbekümmertheit geblieben? Wo ist dein Mut, der Glaube an dich? Du bist doch wirklich das mutigste Mädchen, das ich kenne! Du traust dich sonst einfach alles, du hast vor nichts Angst, probierst die wildesten Sachen aus!  Es bricht mir das Herz, dass du dich selbst so unter Druck setzt. In der 1.Klasse, verdammt noch mal! Ich vermisse meine lustige Emma, die immer Quatsch macht, lacht, fröhlich ist, ungezwungen und unbekümmert. Eben ein Kind.

Wenigstens lässt du dir von mir helfen und auch deine Lehrerin unterstützt dich. Wenn du konkrete Hilfe brauchst, dann weiß ich, was zu tun ist.

Aber da gibt es auch noch die anderen Momente. Die Momente, in denen du nicht um Hilfe bittest. Sondern trotzt, motzt, schreist, mit Türen knallst, zu allem Nein sagst, bockig bist, schupst, nicht mehr antwortest. So bist du nun seit circa 10 Tagen fast ununterbrochen. Sofort auf 180 bei den kleinsten Kleinigkeiten. Super empfindlich. Extrem in deinen Reaktionen. So bist du seitdem du 1 ganze Woche lang krank warst und nicht zur Schule gehen konntest.

Und damit kann ich nicht gut umgehen. Es bedrückt mich so sehr, dass auch ich nun mit Bauchschmerzen aufwache. Ich kann nicht glücklich sein, wenn du unglücklich bist. Ich leide so mit dir. Aber wenn du so aggressiv und motzig bist, dann kann ich nicht verständnisvoll reagieren. Zumindest irgendwann nicht mehr. Irgendwann kommt die Wut in mir hoch. Weil du nicht mit mir redest, sondern deine Gefühle an mir auslässt. Dabei will ich dir doch nur helfen. Dich trösten.

Ich glaube nicht unbedingt, dass nur die Schule der Grund ist für deine Verhaltensänderung. Nicht nur. Da ist noch etwas anderes, etwas beschäftigt dich.

Du warst den ganzen Oktober richtig happy, auch in der Schule. Dann warst du krank, und zwar so lange wie noch nie. Und seitdem bist du nun so unausgeglichen. Ich hoffe jeden Tag auf Besserung. Und warte ab. Denn du weisst, ich lass dich damit nicht allein.

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9 thoughts on “Ich lass dich damit nicht allein

  1. Du nimmst Dein Kind ernst und damit bist Du auf dem richtigen Weg.
    Vielleicht kann ein Gespräch mit der Lehrerin aufschlussreich sein.
    Kopf hoch. Ihr schafft das !

  2. Sehr rührend und auch aufwühlend, wie du die Situation beschreibst. Die Eule ist nicht der Grund, wie mir scheint. Aber die Schule, der neue Konkurrenzdruck und das Gefühl, plötzlich doch selbst für vieles verantwortlich zu sein, ist eine große Umstellung. Habe auch Zwillinge, die gerade neu in der Schule sind und erlebe es täglich.
    Hab Geduld, lass ihr Zeit. Und bestärke sie in allem, was gut klappt. Dann kann sie wieder Kraft tanken und Selbstvertrauen zeigen. Ich drücke euch die Daumen.

  3. Danke, Heike. Natürlich liegt es nicht an der Eule, es ist fast jeden Tag ein anderer Grund. Das belastende ist nur, dass es dazwischen schon 4-5 Wochen gab, die richtig gut waren, sie war happy und hatte keine Sorgen.
    Wahrscheinlich kommt und geht es, je nachdem was sie erlebt hat in der Schule.
    Ich danke dir sehr, dass du mir schreibst und dass ich dadurch weiß, dass es auch andere Kinder betrifft. Darf ich fragen, ob es bei dir beide Kinder betrifft? Und wie stark äußert es sich bei euch?
    VG, Katrin

  4. Danke, Ruth, aber bei der Lehrerein war ich schon längst, gleich als es damals anfing in der 2.Schulwoche. Es hat viel gebracht, danach war es täglich ein bißchen besser, bis ihre Angst ganz weg war. Ich denke, ich werde einfach nochmals mit ihr reden müssen…

  5. Hallo Kathrin
    vielleicht will Emma so perftekt sein wie Ihr es sind aber ist nicht mit sich selber zu frieden Das Schreien ist irgendwie ein Hilfe ruf von Emma Sie hat das Gefühl sie ist nicht so gut wie vielleicht ihr Bruder dem das Umstellung vom Kiga zur Schule wohl leichter fällt Irgendwas scheint das Mädel arg beschäftigen JETZT GERADE weil du schreibst ja Ihr habt eine gute Zeit gehabt in der schule Vielleicht wird Emma geärgert von Mitschüler oder die Lehrer wollen zu viel gerade von Emma Emma hat Angst dem ganzen Druck nicht stand zu halten Ich würde ihr oft knudeln und Arm nehmen Ihr immer wieder sagen wie lieb Ihr sie habt und wenn sie mal schlechte Note bekommt das es gar nicht schlimm ist Bevor sie krank wurde ist dort was besonderes vorgefallen ?Oft werden ja Kinder krank wenn Kinder Sorgen haben zb Bauchweh Würde auch viel ständiger Kontakt mit Lehrerin vielleicht kann sie beobachten bezüglich Mitschüler oder so was Emma Sorgen macht Wünsch Euch von Herzen das Emma bald wieder die lustige spass am Leben immer mutige Mädel ist
    von Herzen eine schöne Adventszeit Euch vier
    Silke

  6. Liebe Katrin

    Hast du dich schon einmal mit Kinesiologie beschäftigt? Eventuell wäre das für Emma eine tolle Sache. Damit können viele Hürden genommen werden und Stress wird abgebaut.
    Alles Gute, ich lese immer sehr gerne in deinem Blog!
    Danke für die tollen Texte die du formulierst.

    Christine

  7. Hi Katrin,

    ja, genau, es sind Phasen, die kommen und gehen. Es betraf kurzfristig beide Zwillinge bei mir – aber ich hab dann herausgefunden, dass es einen Grund außerhalb der eigentlichen Schulzeit während der Betreuung gab. Das ist halt der Haken an dem Alter: Sie können viel, doch noch nicht immer so genau auf den Punkt bringen, was sie bedrückt oder auch wütend macht, wenn sie es sind….
    Viel Erfolg weiterhin
    h

  8. Liebe Katrin,
    es gibt immer wieder Beiträge von dir, die mich sehr berühren. Vielen Dank, dass du so offen und ehrlich bist und auch die schwierigen Seiten des Elternseins beschreibst. Mir selbst fällt es schwer, zuzugeben, dass ich mit unseren drei Kleinkindern (die Zwillinge sind 1,5, der große bald vier Jahre) im Alltag hoffnungslos überfordert bin. Es ist irgendwie erleichternd Czu sehen, dass Zwillinge doch für viele herausfordernder und kräftezehrender sind als zwei oder drei Kinder unterschiedlichen Alters.

    Zu Emmas Schulangst: wenn du einen Zugang dazu findest, vielleicht kann euch einmal eine systemische Aufstellung weiterhelfen. In München kann ich Frau Ilse Kutschera empfehlen.

    Alles Gute für dich!

    Birgit

  9. Hallo,

    unser Pärchen ist auch dieses Jahr in die Schule gekommen.
    Unsere Tochter besucht eine Montessorischule.
    Wurde uns vom Kindergarten empfohlen, da sie auch so eine Perfektionistin ist, konnte auch alles früher als ihr Bruder, und sofort dichtmacht, wenn es nicht so läuft wie sie meint, sie nicht die Beste ist. Sie vergleicht sich sehr stark mit anderen Kindern und ist sofort frustriert, wenn es bei ihr nicht gleich klappt. Sie will überall vorn dabei sein und baut sich damit selbst einen wahnsinnigen Druck auf.
    Vielleicht war die “Fehlwoche” für deine Tochter das Problem – alle sind schon weiter, sie muss “viel” nachholen. Schule ist halt Stress, plötzlich muss man z.b. lernen. Und dann lassen sie es zu Hause raus.
    Wir sind glücklich mit unserer Entscheidung. Altersgemischte Klassen, individuelles Tempo und ihr eigener Lerneifer, den sie da voll ausleben darf. Sie kann/muss sich dort nicht mit jemanden vergleichen und kann ganz sie selbst sein. Sie geht gerne in die Schule.
    Alles Gute!
    Katharina

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