Von Schuld und Reue

Mein Mann nennt das “Ketten”. Er meint damit Situationen, die mit einer Kleinigkeit beginnen und aus denen ein großes Theater wird.

Ja, manchmal wäre ich gerne Hellseher. Dann wüsste ich, das der kleine Satz, den ich gerade gesagt habe, dazu führt, dass am Ende Jemand weint, obwohl mein Anliegen eigentlich war, Freude zu verbreiten.

Nun, bei meinem Kind kommt zur Zeit vieles verkehrt an. Mein Samthandschuh wiegt manchmal Tonnen. Aber es gibt auch Situationen, bei denen ich den Samthandschuh ganz ausziehe und es am Ende schrecklich bereue.

So wie gestern Abend.

Als ich aufwache, nehme ich mir vor, dass heute ein total harmonischer Tag wird. Ein schöner Tag soll es werden.

Die Kinder sind fröhlich, als ich sie von der Schule abhole. Zu Hause angekommen, bauen wir einen “Lastenaufzug” ins obere Stockwerk, das hatte ich ihnen am Morgen bereits versprochen. Also, Eimer an Schnur gehängt und die Spiele können beginnen. Alles prima. Zum Abendessen mache ich ihnen ihren geliebten “Überraschungsteller”. Das ist mehr oder weniger nur eine Brotzeit, aber hübsch dekoriert, mit viel Obst dazwischen und auch einer kleinen versteckten Süßigkeit. Nach ihrer Fernsehfolge will Emma in ihrem Zimmer malen. Ich frage Max, ob er Mühle spielen möchte. Will er. Wir sind mittendrin, als Emma wieder runter kommt. Sie wollte eigentlich doch lieber verstecken spielen. Zum Glück lenkt Maxi ein und wir spielen eine Zeit lang verstecken, bis es langsam Bettgehzeit ist.

Und da frage ich den Satz, der den ganzen Abend verändern und meine Nacht verschlechtern wird: “Ich habe ein neues Hörbuch für euch gekauft zum Einschlafen, wollt ihr es haben?”

Komisch, nicht wahr, dass so ein netter Satz und eine lieb gemeinte Überraschung wirklich böse enden kann. Ich wollte ihnen eine Freude machen. Hätte ich das doch bloß nicht getan.

Zuerst freuen sich die Kinder, vor allem Emma, es ist eins ihrer Lieblingsbücher. Aber es ist 1 Hörbuch, also müssen sie die Nacht zusammen in einem Zimmer schlafen. Was sonst nie ein Problem war. Heute schon. Emma will nicht, dass Max bei ihr schläft. Max will nicht, dass Emma bei ihm schläft. Wir müssen uns aber irgendwie einigen, sage ich. Emma wird sauer und trotzt, dass sie das Hörbuch eben nicht anhört. Sie sieht dabei so unglaublich traurig aus, sie hatte sich auf die Geschichte gefreut. Ich rede und versuche, zu überzeugen. Verdammt nochmal, es kann doch nicht so schwer sein, sich zu einigen? Warum ist das gemeinsame Einschlafen ausgerechnet jetzt ein solches Problem? Und langsam werde ich wütend. Die Lage eskaliert total. Emma weint und ich bin total verzweifelt, warum aus etwas Schönem ein solches Theater entstehen kann. Ich verfluche diese Situation, in der ich gerade stecke. Und lasse meinen Frust verbal an meinem Kind aus. Ich sage Dinge, die man als Mama nicht sagen sollte. “Warum bist du gerade so, warum musst du dich immer so aufregen?” “Hör auf, zu weinen!” “Ich wollte euch eine Freude machen, das werde ich mir merken, mach ich nie wieder!” “Es ist doch nur ein Scheiß Hörbuch, verdammt!” Und natürlich weint sie noch mehr, klagt, dass sie an allem Schuld sei. “Ich bin schuld, dass du so böse auf mich bist, Mama!” Mein Herz bricht in zwei Teile. Jetzt sehe ich, was ich angerichtet habe. Warum kann ich nicht geduldiger sein, warum hab ich sie geschimpft. Kann ich bitte die Zeit zurück drehen, bitte!? Ist das gerade echt passiert? Warum? Ich bin personalisiertes Schlechtes Gewissen.

Ich umarme sie, ganz fest, beruhige. Merke, dass Max total traurig im Flur steht. Ich fange an, zu weinen. Wir weinen beide, halten uns fest, ich entschuldige mich für meine Worte. Emma wird ruhiger, ich auch, Max spielt schon wieder fröhlich um uns herum. Wir vertragen uns wieder, ich erkläre, dass ich sie nicht hätte anschreien sollen und dass ich sie immer lieb habe, auch wenn wir uns streiten.

Es ist wieder gut. Max erklärt, dass er keine Lust auf die neue Geschichte hat. Emma kann sie haben. Ob er dass macht, weil es in der Geschichte um kleine Vampire geht und er Angst hat, sie anzuhören, oder er nach dem Theater die Lust darauf verloren hat, weiß ich nicht. Spielt jetzt auch keine Rolle mehr.

Die Kinder gehen ins Bett. Ich gehe nach unten ins Wohnzimmer und weine noch ein bisschen, weil ich mich selbst manchmal nicht ausstehen kann. Weil ich oft eine so beschissene Mutter bin. Weil ich solche Angst habe, dass sich solche Auseinandersetzungen in die Köpfe meiner Kinder einprägen und die schönen Erinnerungen verdrängen. Und in der Nacht liege ich wach. Warum nur, warum musste das passieren. Es sollte doch einfach nur ein schöner Abend werden…

b906e125583bb2746103dd317dd1a09e

P.S.: es ist schwierig, einen Streit schriftlich wiederzugeben. Ein paar Dinge konnte ich nicht so wiedergeben, wie sie waren. Ich habe auch lange überlegt, ob ich darüber überhaupt schreiben soll. Aber dieser Blog ist der Puffer für mein schlechtes Gewissen, wenn ich eins habe. Meine Leser schätzen meine Ehrlichkeit. Ich schreibe nicht über Kuchenrezepte, sondern über dein Alltag mit Kindern. Und manchmal erhoffe ich mir dadurch auch Absolution für meine Unvollkommenheit als Mutter.

 

 

9 thoughts on “Von Schuld und Reue

  1. Ich verfolge Deinen Blog schon lange. Ich habe 5 jährige Zwillinge und nun muss ich auch mal was schreiben: ich glaube, Du machst Dir unnötig ein so schlechtes Gewissen. Kinder dürfen (und müssen m.E.) auch erleben, dass (auch) die Mutter nur ein Mensch ist und kein Superheld. Im echten Leben gibt es nun einmal nicht nur Harmonie. Wenn wir unseren Kindern bösen Streit im geschützten Kreis der Familie vorenthalten, dann werden sie später vielleicht Probleme haben, mit solchen Situation umzugehen. Ich meine, es ist gut, Kindern die Möglichkeit zu geben, solche Situationen in der Familie kennen zu lernen. Denn wo – wenn nicht in der Familie – sollten sie es sonst lernen? Wir können sie nicht ein Leben lang behüten…

  2. Hallo Katrin, ich fühle mit dir 🙁 Mir geht es manchmal ganz genau so und das schlechte Gewissen erdrückt mich dann fast… Ich denke mir dann zwar immer lieber schreien als schlagen, aber Worte können sehr verletzen und auch diese bleiben in Erinnerung. Ich frag mich dann warum das alles wieder so eskaliert ist… und gebe mir die Schuld. Weil ich die Streitereien nicht ausgehalten habe, weil ich nicht verstehen kann dass meine Kinder sich nicht einigen wollen, weil ich nicht verstehe was das Problem ist! Aber Tanni hat recht – wir sind auch nur Menschen und manchmal unsere “Schmerzgrenze” doch auch niedrig. Aber wir lieben unsere Kinder – gaaaaaaaaaaanz arg. Und auch das wissen sie 😉

  3. Hallo liebe Katrin,
    ich finde, du brauchst dir überhaupt keine Vorwürfe zu machen – im Gegenteil! Das klingt doch eher nach einer guten emotionalen Schule, durch die du deine Kinder begleitest. Ihr habt Konflikte, ihr streitet, ihr seid emotional – weint, vertragt euch und findet eine Lösung. Es ist doch toll, dass dein Sohn, aus welchen Motiven auch immer, spürt dass er in dieser Situation einen Kompromiss vorschlagen konnte, um Frieden zu schaffen. Und vielleicht wird deine Tochter davon mitgenommen haben, dass Mama auch Grenzen hat.
    Ich finde, das Wichtigste am “Aneinandergeraten” ist, sich hinterher zu vertragen, und niemanden frustriert und sauer aus der Situation herausgehen zu lassen (in eurem Fall zB “dann eben ohne Hörspiel”) ins Bett zu schicken.
    Frohes Fest euch allen!

  4. Hallo,
    überhaupt nicht schlimm, nur das Leben! Kenne ich aber auch. Ich wünsche euch harmonische und schöne Weihnachten

    Milla

  5. Hallo Katrin,

    meine Zwillingsmädchen sind 3 und ich kann diese Situation nachvollziehen. Auch mir ist letzte Woche wegen einer Lappalie der Geduldsfaden gerissen und ich bin echt mega geduldig…. Eine der Damen ist gerade extrem zornig und trotzig, schlecht gelaunt, sofort motzig… Ich grüble, ob sie sich benachteiligt fühlt, da die andere sehr an mir hängt und ständig kuscheln will, was sie eben nicht so macht und möchte… Sie stehen ja irgendwie in ständiger, unmittelbarer Konkurrenz. Ich habe oft ein schlechtes Gewissen beiden nicht 100%ig gerecht zu werden und Co. … Mir tut es gut, hier zu lesen. Danke!

  6. Liebe Katrin,

    ich lese deinen Blog so gerne, gerade weil dort nicht immer Bullerbü ist, sondern du auch über schwierige Situation schreibst. Ich finde aber, hier machst du dir ganz unnötig ein schlechtes Gewissen. Ganz ehrlich, bei uns (sechsjährige Zwillinge und ein Baby) gibt es solche Situationen definitiv alle paar Tage. Gerade am Abend, wenn die Kinder müde sind, könnte es bei uns auch leicht zu so einem Streit kommen. Auch ich sage dann zu meinen Kindern manchmal Sätze wie die, die du beschrieben hast. Ich finde das aber ehrlich gesagt normal. Meine Kinder dürfen sehen, dass ich auch nur ein Mensch bin, Grenzen habe, und abends auch mal müde und geschafft bin. Meine Kinder und ich sind alle drei recht sensibel und emotional, und da kommt sowas einfach immer wieder vor. Ich käme aber nicht auf die Idee, dass ich deswegen eine schlechte Mutter wäre. Im Gegenteil, ich halte mich für eine gute Mutter und ich sehe wie emotional kompetent und selbständig meine Kinder sind. Ich würde ehrlich gesagt auch keinen Tag mit der Vorstellung beginnen, dass heute alles total harmonisch ist. Bei uns ist das nicht realistisch! Ich nehme mir lieber vor, mit den Stürmen des Tages gut umzugehen. Ich glaube auch nicht, dass deine Kinder schlecht Erinnerungen an ihre Kindheit wegen einer solchen Situation haben werden. Ich befürchte eher, dass sich Ihnen vielleicht einprägt, man darf nicht streiten, sonst ist Mama total traurig und kann nicht schlafen. Das wäre eher meine Sorge. Lass locker. Du machst das so gut. Alles liebe!

  7. Liebe Katrin,

    erst einmal ein frohes neues Jahr!!
    Ich kann den anderen Mamas nur beipflichten (logisch betrachtet), kann Dich aber auch voll verstehen, denn mir geht es oft ähnlich! Solche Situationen in denen man sich hinterher fragt wie es eigentlich soweit kommen konnte kenne ich nur zu gut!
    Als ich ein Kind war krachte es verbal bei uns zu Hause des Öfteren. Aber am Ende wurde sich immer wieder versöhnt, was sehr wichtig für uns alle war. Was mich aber früher und auch heute noch an meiner Mutter sehr stört ist, dass sie sich nie entschuldigt! Sie geht über ihre eigenen Fehler einfach hinweg.
    Wir streiten heute auch, da kann es auch mal lauter werden, aber wir versöhnen uns am Ende immer. Wir können gemeinsam weinen und wenn ich einen Fehler gemacht habe, dann gebe ich den auch zu und entschuldige mich dafür. Das machen meine Kinder auch so. Wir haben ein sehr inniges Verhältnis und da muss man ehrlich zueinander sein und kann auch mal Schwächen zeigen!
    Du bist eine ganz tolle Mutter!! Schon allein weil Du Dir überhaupt solche Gedanken machst!! 🙂
    Alles Liebe!
    Natalie

  8. Ihr Lieben,
    danke für eure netten Kommentare und die aufbauenden Worte. Auch wenn es uns allen scheinbar so geht, und es “normal” zu sein scheint, mal Ausraster vor den Kindern zu haben, nehme ich mir dennoch für das Neue Jahr vor, geduldiger und ausgeglichener zu sein. Schaden kann das ja nicht! 😉
    Danke nochmal und ein gutes Neues Jahr für euch alle!
    Eure Zwillingsmama

  9. Ach Kathrin, ich liebe deinen Blogg. Und oft sitze ich heulend vorm PC, weil ich mich so gut in dich hinein versetzten kann. Und so auch wieder gerade…Diese sch… Situationen kenne ich nur zu gut und ich bestehe später auch aus schlechtem Gewissen. Es hilft ein bischen zu wissen, dass es nicht nur mir so geht. Áber ich entschuldige das damit auch nicht. Solange man es sich bewusst macht und versucht es beim nächsten mal besser zu machen ist alles noch ok. Mir hat mal jemand gesagt der sich damit auskennt, es gibt niemanden, der einen wahnsinniger machen kann als dás eigene Kind. Und ich dachte früher immer, meine Mutter wäre nicht zu toppen 😉 Aaaber Kinder verzeihen viel, und Mamas doch auch…In diesem Sinne, alles wird gut 🙂 Liebe Grüße, Heike

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *