Vom Glauben und der Wahrheit

„Jetzt solltet ihr bald eure Wunschzettel an das Christkind schreiben, sonst weiß es nicht, was es unter den Baum legen soll an Weihnachten“, sage ich heute auf dem Weg mit den Kindern zur Schule. Stille. Dann die Frage von Emma:

„Mama, gibt es das Christkind wirklich?“

Oh nein, nicht jetzt und nicht heute, denke ich. Das kommt mir jetzt gar nicht gelegen, ich muss zur Arbeit! Wie oft habe ich mir schon überlegt, wie ich es den Kindern beibringe, dass Alles, an das sie glauben, nur eine erfundene Geschichte ist! Das Christkind, der Nikolaus, der Osterhase. Die Zahnfee hatten wir zum Glück schon erledigt, die wurde entlarvt, als die Kinder in der Schule davon erzählten und leider von älteren Kindern ausgelacht wurden. Zahnfee existiert also in Wahrheit nicht, na gut. Damit konnten sie ganz gut leben.

Aber das Christkind und der Osterhase? Das ist bestimmt eine andere Dimension, dachte ich immer, und schob das Thema weit von mir weg. Nicht aus Angst, sie könnten enttäuscht sein, dass wir sie angeschwindelt haben. Nein, ich wollte mir diesen kindlichen Glauben erhalten, das Leuchten in den Augen, die Aufregung, ob das Christkind schon da war oder sie den Osterhasen im Garten hoppeln sehen. Der Zauber dieser besonderen Tage im Jahr und die Fähigkeit von Kindern, diesen Zauber vollends aufzunehmen und voller Vorfreude auf diese Tage zu warten!

Und nun das.

2 Minuten, bevor wir bei der Schule ankommen.

Ich Idiot muss ja auch unbedingt mit dem Wunschzettel anfangen, verdammt!

Ich winde mich ein wenig und antworte mit einer Gegenfrage:

Was meinst du denn, Emma, glaubst du an das Christkind?“

Ich versuche den alles-ist-richtig-du-kannst-an-alles-glauben-wenn-du-es-nur-willst Ansatz, aber der geht leider nach hinten los.

„Darum geht´s nicht, Mama. Gibt es das Christkind wirklich? Also, in echt? Sag mir jetzt die Wahrheit, Mama!!“

Die Wahrheit. Sie fragt mich nach der Wahrheit. Jetzt also ist es soweit. Aus der Nummer komme ich nicht mehr raus. Was für ein beschissenes Timing.

Gleich bricht die Hölle über mir ein, zwei weinende Kinder, enttäuschte Gesichter, Vorwürfe, Tränen, Geschrei. Im Auto sitzend vor der Schule. Mein absolutes Lieblingsszenario. Super.

Ich hole also tief Luft, wappne mich.

„ Also, meine Mäuse, ihr seid ja jetzt schon so große Kinder. Jetzt ist es wohl soweit, dass ich euch sage, dass das Christki ……“

„ Also, ich glaube, dass du die Geschenke versteckst, vielleicht im Bad oder so. Auf jeden Fall machst du das, und Papa auch. Und du kaufst natürlich nur die Geschenke, die wir uns gewünscht haben. Und dann legt ihr sie unter den Baum, das machen immer die Erwachsenen, die Kinder warten dann so lange oben. Stimmts, Mama?“ sprach das Tochterkind.

„Und Opa ist der Nikolaus!“ posaunt Max dazu.

Zwei fröhlich grinsende Kinder, die gerade ein Geheimnis aufgedeckt haben. Zwei verschmitzte, kleine Grinsebacken sitzen da hinter mir im Auto! Von wegen Tränen! Wo ist die vollkommen verständliche Erschütterung über diese neue Erkenntnis? Wo ist die Trauer über ihren Verlust?

„Ooookayyy, also das stimmt dann jetzt wohl alles“, sage ich vorsichtig, aber da hüpfen sie schon aus dem Auto und erzählen mir, dass Anna heute Muffins in die Schule mitbringt und deswegen sei dieser Tag ihr Glückstag.

Kinder sind so einzigartige Geschöpfe.

Und wie sehr ich sie liebe.

Und plötzlich fällt mir ein, dass ich mit diesem Geständnis all meine Druckmittel verloren habe. Kein schimpfender Nikolaus, kein Krampus, kein verschreckter Osterhase.

Oh Mann.

weihnachtsgeschenke-fuer-frauen

One thought on “Vom Glauben und der Wahrheit

  1. Liebe Katrin, ich habe herzlich gelacht. Du hast eben sehr kluge Kinder.
    Dann brauche ich auch nicht mehr lügen.
    Liebe Grüsse
    Hanni

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