Mein Sohn

Eine der größten Herausforderungen einer Mutter bzw. Vater ist es, aus seinen Kindern selbstbewusste Menschen zu machen. Das ist nur dann möglich, wenn man sein Kind so annimmt, wie es ist. Nur dann kann man seinem Kind das Gefühl geben, dass es richtig ist, so wie es ist. Mit allen Fehlern, Ticks und Angewohnheiten, die eventuell sogar vererbt wurden. Das geht unter anderem mit viel Respekt vor dem Kind einher. So wie ich selbst behandelt werden möchte, so sollte ich auch mit meinem Kind umgehen.

Warum ist es so schwer, das im Alltag umzusetzen?

Ich würde gerne die Festplatten der Kinder bearbeiten können, so viele Momente löschen und sie durch positive Erinnerungen ersetzen. Oder am Besten, die Zeit um 7 Jahre zurück drehen und alles besser machen. Nicht schimpfen. Nicht schreien. Nicht ausflippen wegen Kleinigkeiten.

Ich hasse mich schon währenddessen. Wenn ich meinen Sohn anschreie voller Wut auf ihn, sehe ich, wie er mich ansieht. Mir beim Schreien zusieht. Mich ansieht und mich nicht mehr mag in diesem Moment. Mich vielleicht sogar hasst und will, dass ich gehe. Dass ich aufhöre.

Vielleicht wünscht er sich in diesem Moment genauso wie ich, dass man die Zeit zurück drehen könnte, dann hätte er sich beim Hausaufgaben machen nicht so bockig angestellt und hätte aufgepasst, was ich sage. Hätte sich nicht taub gestellt oder fünf mal mit “weiß ich nicht” geantwortet. Vielleicht hätte er dann auch nicht die ganze Zeit mit seinem Stift gespielt, aus dem Fenster geguckt und gegähnt. Während ich fast im Alleingang sein Referat für ihn zusammenstelle. Vielleicht hätte er dann auch nicht alles “so doof” gefunden und hätte wenigstens einen Hauch Interesse gezeigt. Und hätte mich nicht mit bösen Blicken überhäuft wenn ich ihn bitte, auch mal einen Vorschlag zu machen.

Wie sehr wünsche ich mir, etwas mehr Geduld in solchen Momenten zu haben. Ich hatte sie auch, die ersten 20Minuten. Aber dann bin ich explodiert, später, als wir fast schon fertig waren. Und weil ich meine Wut bis dahin unterdrückt hatte, war meine Explosion umso heftiger. Und das am Muttertag. So schrecklich traurig, so wahnsinnig sinnlos.

Wenn ich eine Erklärung finden müsste, würde ich von den Tagen und Monaten davor erzählen. Von den Tagen, an denen meine Verunsicherung und Traurigkeit meinem Sohn gegenüber wuchs und sich eventuell an diesem Tag entlud.

Von den Tagen vor dem Vatertag und Muttertag, an denen Max immer mehr selbst gebastelte Karten nach Hause brachte, alle für seinen Papa. Für mich war nichts dabei.

Ich würde von den Monaten davor erzählen, in denen sich Max mir gegenüber verändert hatte. Es begann Mitte Februar damit, dass nur noch Papa ihn ins Bett begleiten durfte. Ich war keine Option mehr, da ging er lieber alleine ins Bett. Er sagte es nie direkt, sondern nur “heute will ich alleine einschlafen”, wenn er wusste, dass Mama dran war. Außerdem nahm er nie meine Hand, egal in welcher Situation. Abends war zum Spielen und Quatsch machen nur der Papa wichtig, egal welchen Vorschlag ich machte.

Ich wurde eifersüchtig und verunsichert noch dazu. Es war offensichtlich, dass Max seinen Papa viel mehr liebt als mich. Dass er ihn vergöttert war schon immer so. Aber dass er mich zeitgleich schon fast ablehnt, das war neu. Es brach mir das Herz.

Warum das so plötzlich kam, weiß ich nicht. Aber ich verstehe das Warum.

Nicht nur, dass mein Mann mehr Quality time mit ihm verbringt ohne nebenher Wäsche zusammenzulegen, er macht mit Max auch die richtig coolen Jungs- Sachen, auf die ich niemals kommen würde. Sachen, die Max Spaß machen. Zum Kieswerk fahren und Löcher graben, über Videospiele quatschen oder Superhelden. Ein Lager im Wald bauen. Lustige Videos im Handy zeigen und witzige Musik CDs zusammenstellen. Exzessives Fußballspielen kurz vorm schlafen gehen.

Ich bin die, mit der man ein Brettspiel spielen kann und zum Spielplatz geht oder ein Eis essen. Meistens aber die, die ihn zum Friseur schleift, zum Arzt oder zum Federball fährt, obwohl er zu all dem keine Lust hat. Oder die ihn mit zum einkaufen nimmt (nehmen muss) und abends zum duschen zwingt, obwohl er duschen nicht leiden kann. Die beleidigt ist, wenn ihm das Essen nicht schmeckt. Mit der er noch extra Aufgaben machen muss, damit er am nächsten Tag in der Probe eine gute Note schreibt.

Ich bin auch die, die immer mehr Zeit mit Emma verbracht hat, vom ersten Tag an. Die immer an Emmas Seite war, weil sie so fordernd war. Und Max so easy, dass er locker mit Papa, der Oma, dem Babysitter klar kam. Ich war meistens bei Emma und viel zu wenig bei ihm. Welche Wahl hatte er denn, es gab nie eine.

Kurz nach der Geburt wurde Max in Papas Arme gelegt, Emma wurde in meine Arme gelegt. Was für ein Sinnbild, wenn man bedenkt, wie es weiterging. Es ist nicht so, dass ich nicht für ihn da war, natürlich war und bin ich das. Jederzeit, Tag und Nacht! Vom ersten Tag bis heute! Aber mit Papa ist das Leben oft leichter, denke ich. Und Papa schreit auch nicht. Er schimpft zwar manchmal, aber schreien tut er nicht.

Wie bereits gesagt, würde ich so vieles anders machen, wenn ich nur die Zeit zurück drehen könnte. Ich habe so viele Dinge gesagt und getan, die ich bereue.

Ich weiß, dass du mich liebst, Max. Dessen bin ich mir sicher. Und das ist mir das aller wichtigste, denn ich liebe dich so sehr, dass es weh tut. Und es tut mir leid, dass ich dich manchmal angeschrien habe. Es tut mir leid, dass ich Emmas Gefühle oft in den Vordergrund gestellt habe. Es tut mir leid, dass ich nicht immer die beste Mutter für dich war. Wir überstehen diese Phase, die du gerade hast, wir schaffen das irgendwie.

Mit Liebe.

 

Am Ende hatte Max übrigens doch etwas für mich am Muttertag. Ein schön bemaltes Herz mit einem “Elfchen” beschrieben, ein kleiner Text aus elf Wörtern. Danke, mein Schatz!

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