Muttertier

Samstag Nachmittag. Wir sind alle vier auf dem Weg in die Münchner Innenstadt, um auf dem Odeonsplatz ein paar Tauben zu jagen, Eis zu essen, spazieren zu gehen und uns die Zeit zu vertreiben.

Wenig später landen wir in einem italienischem Restaurant mit Biergarten, das wir von unserem früheren Leben kennen und ganz gern mögen. Wir setzen uns an den äußeren Rand im Biergarten, wo viele andere Kinder herumtoben und Ball spielen.

Unsere Kinder amüsieren sich prächtig, deshalb entscheiden wir uns zu bleiben und Essen zu bestellen. Kinderpasta und ein Schnitzel für Emma und Max (die Reste für Mama) und einen überbackenen Toast für den Gatten.
Wir warten auf´s Essen und trinken Aperol-Spritz, die Sonne scheint, die Kinder toben im Gras. Herrlich. Urlaubsfeeling!  Doch dann kam alles anders … Max ist weg. Mein Mann läuft herum und guckt nach ihm, zuerst noch ruhig, dann langsam panisch. Der Biergarten ist randvoll, alle Tische sind besetzt, überall kleine Kinder. Max ist unauffindbar.

Da fasst mich ein Mann an die Schulter – ob ich ein Kind verloren hätte? Er habe eben einen kleinen Bub gesehen, der an allen Tischen nach  „Papa?“ fragt. Ich erkundige mich nach der ungefähren Richtung, bekomme ein „irgendwo da hinten“ zur Antwort und bin schon weg, auf der Suche nach meinem Blondschopf. Und fand ihn einige Minuten später ziemlich genau in der Ecke, die der Mann mir genannt hatte – ein wenig aufgelöst zwar aber unversehrt.

Ich empfand nichts als Dankbarkeit für diesen Mann, der so sensibel auf sein Umfeld geachtet hat, eins und eins zusammenzählte und mir geholfen hatte. Und ich? Ich hatte in meiner Panik gar nicht in sein Gesicht gesehen, ich hatte keine Ahnung wie er aussah. Anscheinend hatte er sich wieder an seinen Tisch gesetzt und ging total in der Menschenmenge unter. Da stand ich nun, mit meinem Mäxlein im Arm und konnte mich nicht mal bedanken…

Zurück an unserem Tisch in wiedergewonnener Viersamkeit, stellten wir fest, dass unser Essen noch immer nicht da war. 30 Minuten waren vergangen, die sonst übliche Abendbrotzeit schon längst überschritten. Die Kinder wurden langsam quengelig.

Ich fragte den Kellner also, wann denn das Essen da sei. „In 10 Minuten“, hieß es von ihm, was mich schon etwas verwunderte, da ich mich als alter Gastro-Hase bzw. Ex-Kellnerin fragte, woher er das so genau wissen konnte, ohne in der Küche nachzufragen.
Wir warten also. Und warten. 15 Minuten später kommt er wieder – ohne Teller in der Hand.
Das Kinderessen sei nun aus.
Wie – aus?
Ja, aus.
Nudeln und Butter sind aus?
Ja.
Hää? Und der Toast?
Ach so, der Toast. Ja, den kann ich noch bringen. Dauert 10 Minuten.
…..?…..
Mein Mann bekommt eine sehr gesunde Gesichtsfarbe und fragt noch einigermaßen höflich, ob wir wenigstens ein paar Scheiben Brot bekommen könnten. Schließlich handle es sich hier um hungrige Kleinkinder. Wir bekamen also einen Brotkorb auf den Tisch gestellt, mit 2 Brotscheiben. 2 Kinder = 2 Brotscheiben. „Das geht dann aufs Haus“ höre ich den Kellner sagen. Mein Mann krallt die Fingernägel ins Holz. Die Kinder essen Brot, ich habe zum Glück noch einen Hipp-Joghurt in der Tasche, den es dazu gibt.  Die Kids  sind einigermaßen zufrieden.

Emma möchte wieder spielen gehen und steuert auf einen circa 7-jährigen Jungen zu, der mit 2 anderen Jungs Ball spielt. Sie steht neben ihnen in der Wiese und guckt ihnen nur zu, ganz friedlich und brav. Plötzlich packt der Junge Emma mit beiden Händen am Kopf und drückt ihn hart nach hinten, so dass sie strauchelt und fast hinfällt. Ganz verdattert bleibt sie stehen. Ich bin schon auf dem Weg zu ihr, als der Junge nochmals ausholt und sie heftig schupst. Sie fällt hin und fängt bitterlich das weinen an. Ich bin wütend. Ich könnte platzen vor Wut. Ich schupse den kleinen Jungen hart gegen die Brust und schreie ihn an, warum er das gemacht hat und was ihm einfällt.

Da kommt auch schon der Vater des Jungen, hält mich am Arm fest und fragt, was passiert sei. „Ihr Sohn war total gemein und aggressiv gegenüber meiner Tochter, das ist passiert!“ fauche ich ihn an und gehe mit meiner weinenden Tochter zurück zu unserem Tisch. Ich höre, wie der Vater seinen Sohn schimpft und der Junge anfängt zu weinen. Beide kommen zu uns und der Junge stammelt mir ein weinendes, klägliches „Es tut mir so leid“ entgegen. Ich sage nur „ist okay“ und drehe mich weg. Sie gehen.
Wir packen unsere Sachen zusammen und die Kinder in den Kinderwagen und ziehen von dannen, verlassen den Ort des Grauens.

Bereits auf der Heimfahrt plagt mich das schlechte Gewissen. Ich hätte den Jungen nicht so anschreien sollen. Und erstrecht nicht anfassen – das hat sein Vater hoffentlich gar nicht gesehen. Ich schäme mich. Auch wenn er viel älter als Emma war und anscheinend in einer aggressiven Phase, er ist trotzdem ein kleines Kind. Und ich bin erwachsen. Eine Erwachsene greift ein kleines Kind körperlich an. Dafür hätte der Vater mich fast anzeigen können. Und dann weint er auch noch und entschuldigt sich so kläglich. Jetzt gesellt sich  noch Mitleid zum schlechten Gewissen dazu.

Abends im Bett denke ich an den kleinen Jungen, bei dem ich mich nun gerne entschuldigen würde. Und an den Mann, der mir geholfen hat, mein Kind zu finden.
Beide werde ich nie wiedersehen und nie sagen können, was ich so gerne sagen würde.

Vielen Dank fremder Mann für Ihre Hilfe und Ihre Beobachtungsgabe!

Und du, kleiner Junge… es tut mir leid, dass ich dich geschupst habe. Du hast meiner Emma weh getan. Aber dafür hätte ich dich nicht so anschreien sollen. Es tut mir leid.
Von ganzem Herzen.

One thought on “Muttertier

  1. Hi! Ich kann so viele deiner Einträge nachempfinden und finde deinen Blog einfach toll…. Es ist schön, mal von einer anderen Zwilllingsmama die Tücken des Zwillingsmamaalltags zu hören bzw. zu lesen. Ich kenn bisher nur ein “Einling-Mamas” und krieg von der Frage: “Na, die sind ja süß, aber schon arg anstrengend mit Zwei´n, oder?” langsam graue Haare. Auch auf die Frage “Sind das Zwillinge?” reagiere ich nicht mehr, obwohl ich weiß, dass die Leute es nicht böse meinen… nur, da sitzen zwei identisch aussehende Mädchen in einem riesigen Wagen und huch, nein, stell dir vor, könnten das Zwillinge sein???? Sag bloß. Ich sollte nicht immer so gereizt reagieren, nur behandeln die Leute unsere Kinder wie öffentlichen Besitz und jeder darf mal ansprechen, nachfragen und im Schlimmstfalle sogar antatschen. Nach fast einem Jahr darf ich da vielleicht sogar wahnsinnig werden….
    Ach ja, einer noch: “Liegst denn in ihrer Familie oder in seiner?” In keiner, KEINER, es ist einfach Natur… Ach mann, ich reg mich glaub ich zu viel auf. So, sorry dass ich mich hier so augelassen habe. Eigentlich wollt ich nur schreiben: Ein klasse Blog und weiter so :). Ach ja, wenn du magst, kannst du mich bei Facebook adden und vielleicht schreibt man sich ja oder du kannst mein Not-Frage-Nagel sein, wenn ich nicht weiter weiß…. Wenn ja schreib mir einfach eine Mail und ich schick dir meinen vollen Namen plus Wohnort…

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