Heartbreaking

„So ist das, Mama!“ Diesen Satz höre ich zur Zeit mehrmals täglich, ist er doch der Lieblingsspruch meiner Tochter, genauso wie “Ja, du hast Recht!” oder “Ich zeig dir wie´s geht.” oder “Ich bin stinke und sauer”.
Das ist natürlich nur eine kleine Auswahl ihrer Kommunikation mit mir, Emma redet gerne und erzählt viel.

Vor allem wird sie langsam zu einer richtigen Persönlichkeit, mit sehr starken Charakterzügen. Wenn ihr etwas nicht passt oder sie etwas nicht okay findet, hat sie keinerlei Probleme, ein 8-jähriges Mädchen auszuschimpfen und anzuschreien. So passiert vor Kurzem auf der Autobahnraststätte auf dem Weg in den Urlaub:
“Hey, du Mädchen! Nich die Emma simpfen und so laut reden! Das sollst du nich!” Ich weiß nicht genau, was das arme Mädchen verbrochen hatte, aber was Schlimmes war es nicht, denn ich saß 2m neben dem Tatort.

Emma wird sehr schnell wütend, kann aber auch der liebevollste kleine Mensch der Welt sein. Vor kurzem hatte sie eine Phase, in der sie mir täglich ein “Ich hab dich ganz doll lieb, Mama” ins Ohr flüsterte, meistens beim Einschlafen. Unfassbar bewegend und süß ist das, wenn das erste Mal verbal etwas zurück kommt.

Nun haben wir allerdings seit circa 3 Wochen ein Problem. Emma stottert.

Begonnen hat es ganz plötzlich an einem Donnerstag. Sozusagen von heute auf morgen. Ich habe natürlich sofort das Gespräch mit der Erzieherin im Kindergarten gesucht, aber dort ist gar nichts vorgefallen. Ich habe gegoogelt, dass es relativ häufig vorkommt und bei vielen Kindern nur eine kleine Entwicklungsstörung ist, die wieder vergeht. Also haben wir erst mal abgewartet und beobachtet.

Aufgefallen ist dabei, dass es abends schlimmer wurde, wahrscheinlich aus Müdigkeit. Auch aufgefallen ist uns, dass es am Wochenende besser wurde, also evtl. doch etwas mit dem Kindergarten zu tun hat. Daraufhin habe ich natürlich sofort ein Elterngespräch gefordert, welches am Freitag stattfindet. Aber ich erhoffe mir davon nicht viel, denn ich vertraue den Personen, die sich um meine Kinder kümmern. Wäre ja auch schlimm, wenn nicht.

Bis gestern Abend stand also alles auf „Wir warten mal ab, ob es sich von selbst wieder legt“. Aber gestern Abend war es ganz plötzlich sehr schlimm. Emma brachte keinen einzigen Satz mehr heraus.
Und sie sagte etwas, das mir wirklich das Herz brach: „Mama, ich..ich…ich..ich..kann nicht mehr reden!“

Ich versuchte sie zu trösten, zu sagen, dass sie ganz toll reden kann, dass ich sie sehr gut verstehe. Aber das wollte sie gar nicht hören. „Nein, ich kann nicht mehr reden!“ schrie sie mich an und war selber sehr verzweifelt. Und ich mit ihr. Ohne es mir anmerken zu lassen natürlich.

Heute habe ich gleich den Kinderarzt angerufen mit der Bitte um ein Attest für den Logopäden. Ich warte jetzt nicht mehr ab. Ich handle.

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4 thoughts on “Heartbreaking

  1. Bei einem unserer Zwillingsmädchen war das ganz genau so. Da war sie gerade drei geworden. Erst begann es mit leichtem Stottern, d.h. wiederholen von einzelnen Wörtern oder stehen bleiben inmitten eines Satzes. Es wurde immer schlimmer. Bis sie dann auch bei einzelnen Buchstaben hängen blieb und oft kein Wort mehr gerade sagen konnte. Und das, obwohl sie sprachlich einiges weiter war als der Durchschnitt in diesem Alter. Obwohl sie gerne und am liebsten andauernd redete und Geschichten erzählte.
    Anfangs störte sie es nicht besonders. Als sie aber an einzelnen Buchstaben hängen blieb, begann sie richtig zu leiden. Sträubte sich, wand sich – es war herzzerreissend. Und dann eines Tages dieser Hilfeschrei: “ICH KANN ES NICHT SAGEN!” Da war mir klar, jetzt muss ich etwas tun. Ich musste Druck wegnehmen. Ich sprach in Ruhe mit ihr. Erklärte ihr, dass das, was sie mache, einen Namen habe. Stottern, nenne man das. “Stottern!”, raunte sie ehrfürchtig. Es schien ihr zu helfen, dieses Unheimliche beim Namen nennen zu können. Dass das nichts Schlimmes sei und vielen Kindern in ihrem Alter passiere. Und dann kam mir spontan eine Idee: Ich sagte ihr, sie könne jetzt doch schon so gut sprechen. Kenne schon so viele Wörter und wisse von so vielem, wie es heisse. Ihr Mund komme da einfach nicht nach. Das sei wie mit dem Laufrad fahren. Das musste sie doch auch üben, bis sie so schnell fahren konnte wie jetzt. Und genau das müsse ihr Mund jetzt auch tun: Üben, üben, üben. Bis er dann all die vielen Wörter könne, die sie schon wisse. Diese Vorstellung gefiel ihr so, dass sie lachen musste. Und: Es nahm den Druck komplett weg. Es war ja der Mund, der etwas nicht konnte. Nicht sie. In ihrer Vorstellung waren das zwei paar Schuhe.
    Nach diesem Gespräch blieb sie kein einziges Mal mehr an Buchstaben hängen. Stotterte zwar noch, indem sie Wörter wiederholen musste. Aber es war schon viel weniger schlimm für sie. Sie sprach noch ein paar Mal über ihren Mund, der üben musste. Dann war es kein Thema mehr. Das Stottern wurde immer weniger. Wenn sie es tat, warteten wir einfach, bis sie den Satz schaffte. Sprachen ganz normal mit ihr.
    Heute – ein knappes halbes Jahr später: Aus und vorbei. Ich weiss gar nicht mehr, wann sie das letzte Mal ins Stottern kam. Es muss einige Wochen her sein. Sie redet und redet und redet den lieben langen Tag. Als ob nie etwas gewesen wäre. Das Schönste? Sie hat ihre Unbeschwertheit wieder. Und wir auch.
    In diesem Sinne: Mach Dich nicht verrückt. Setz’ Dich und sie nicht unter Druck. Auch hier ist es wohl so wie bei vielen anderen Stationen des Grosswerdens: Tief durchatmen. Es geht vorüber.

  2. Oje, die arme süße Maus!! So ein aufgewecktes, fröhliches Mädchen!
    Ich finde den Kommentar von Katja ganz toll und süß! So eine liebevolle Idee, das Problem beim Namen zu nennen und gleichzeitig den Druck zu nehmen.

    Ein bißchen weiß ich auch über das Stottern (bin Sonderpädagogin). Katja hat schon beschrieben, dass es vielen Kindern in genau dieser Altersphase so geht, dass sie stottern. Schwierig ist es, wenn die Kinder anfangen darunter zu leiden. Dazu kommt dann auch die Umwelt, die manchmal ermahnt (Sprich richtig) oder einfach nur helfen will (und dann die Sätze zuende spricht, ergänzt, usw.). Ich wünsche euch eine gute Logopädin, die relaxed und phantasievoll mit euch umgeht. Googeln finde ich immer gefährlich – da tummeln sich im Netz zu viele Halbwahrheiten und Horrorgeschichten!! Geht mir zumindest meistens schlechter, wenn ich mal Kinderkrankheiten und sowas google…

    Ich denke, den Druck rauszunehmen ist auf jeden Fall wichtig! In dem Alter sind Kinder mit Geschichten ja ganz gut zu begeistern. Ich kann mir gut vorstellen, dass es den Kindern leichter fällt, sich vorzustellen “mein Mund ist zu langsam”, als die frustrierende Ansicht “Ich kann nicht mehr reden!”. Finde den Vergleich mit dem Laufradfahren ganz passend. Man könnte auch vergleichen, wie das Kind lernt zu Malen: als Baby kann es nur Kritzelkratzel und mit der Zeit kann es schon Formen und Figuren malen. Die Hände brauchen Übung.

    Meine Mädels sind gerade erst bei Zweiwortsätzen – vom Stottern also noch etwas entfernt. Was uns manchmal Frust erspart und schon zu lustigen Wortneuschöpfungen geführt hat: wir benutzen für viele Begriffe schon seit dem 1.Jahr Gebärden-Zeichen. Mit “Milch” hat alles angefangen, es kamen alle möglichen Gebärden dazu (Baden, Vogel, Windelwechseln, Essen, Müsli, usw. usf.). Momentan sprechen die Mädels hauptsächlich. Aber besonders, wenn sie müde und knatschig sind, geht das Zeichen ihnen leichter “von der Hand”, als das Wort von den Lippen.

    Vielleicht gibt es ja Wörter, die momentan bei Emma nicht “rauswollen”, die sie vorübergehend zeigen könnte?
    Nur so eine Idee von einer weiteren Zwillingsmama, die deinen Blog hier mit viel Freude und Soldarität liest 😉

  3. Darf ich fragen, wie es mit Emma und dem Stottern weitergegangen ist? Geht es inzwischen – hoffentlich – schon etwas besser? Geht sie nun zur Logopädin? Ich hoffe sehr, dass sie nicht mehr so darunter leiden muss. Und ihr auch nicht!

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